Freitag, April 16, 2021
Barfuss-zum-Mond

New York City – Zu neuen Ufern im big apple!

KartenbildVorneweg gesagt, die äußeren Umstände dieser Reise sind nicht leicht. Nicht, weil NYC oder seine Bewohner mich vor unlösbare Probleme gestellt haben und auch nicht, weil unvorhersehbare Schwierigkeiten während der Anreise aufgetaucht sind.

Der Grund ist so simpel wie traurig…… ich reise nach vielen Jahren trauter Zweisamkeit zum ersten Mal wieder allein. Aus Mangel an Alternativen zu meiner derzeitigen Situation habe ich, dem Trennungsschmerz trotzend, die ursprünglich für zwei gebuchte Reise nun alleine angetreten.

Heute ist der 22. Mai 2010, mein 42. Geburtstag. Vor dem Eingang zu Pier 76 steht ein Pulk von Menschen, die für einen Platz auf der Staten Island Ferry anstehen.

Entspannt gehe ich an der Menschenansammlung vorbei, denn ich habe nicht vor, nach Staten Island zu schippern. Meine Mission ist eine andere. Ich möchte mir einen lang gehegten Traum erfüllen: Einen Halbmarathon in New York zu laufen.

Da allerdings kein Veranstalter mir zu Ehren kurzfristig einen offiziellen Volkslauf organisieren wollte, muss ich halt improvisieren. Als einziger Teilnehmer des “AK private NYC-Half-Marathon” werde ich um 9.00 Uhr CET die entlang des Hudson Rivers zu laufenden 21,1 km von Pier  76 bis nach Washington Heights in Angriff nehmen.

Ein Blick auf die Uhr und los gehts. Ich habe mir vorgenommen, nicht zu schnell anzugehen, damit ich möglichst viel von der Stadt mitbekomme. Der Tag ist sonnig aber nicht zu warm, die Voraussetzungen für mein Vorhaben sind nahezu optimal.

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Schon nach einigen Minuten stelle ich fest, ich bin nicht allein. Ach was, in NYC nicht allein, welch’ Überraschung! Nee, ich meine, außer mir sind auch viele andere Läufer unterwegs. Wie haben die von meinem Halbmarathon erfahren? Seltsam, hatte ich doch weder Handzettel verteilt noch auf Plakaten für den „AK-private NYC Half-Marathon“ geworben.

Und ebenso wie ich haben die keine Startnummern auf ihren Laufshirts. Ich befürchte eine Verschwörung……

Zunächst führt mein Weg entlang der Uferpromenade, durch kleine Parks, vorbei an Fabrikhallen und Familienrestaurants.  Aufregung und Neugier verleihen mir Kraft und Energie. Doch auch die Konkurrenz schläft nicht. Sie sind überall, vor mir, hinter mir, ja sogar neben mir und grinsen freundlich. Hey Leute, das hier ist mein Halbmarathon!!!

Links der Hudson River, rechts die Wolkenkratzer Manhattans. NYC, die City, die niemals schläft. Ich werde es erleben, wenn ich hier fertig bin.

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Zweieinhalb Stunden später erreiche ich Washington Heights. Am Ende habe ich sie alle abgehangen. Keiner ist mir hierher gefolgt, obwohl ich zum Ende hin doch ziemlich müde und auch langsamer geworden bin.

Mein kleines Hotel liegt in Queens, die Metro bringt mich dorthin zurück. Der knappe Kilometer von der Metro-Station bis zum Hotel kommt mir länger vor als noch am frühen Morgen, ich spüre meinen Körper jetzt intensiver.

Der Müdigkeit trotzend, mache ich mich abends auf, um in Little Italy eine Fußballkneipe zu finden. Denn schließlich ist Champions-League Finale mit italienischer (und bayerischer) Beteiligung. Das Vorhaben ist zunächst schwieriger, als angenommen, de facto ist Fußball im Popularitätsranking in den Vereinigten Staaten noch hinter Baumstammwerfen und rhythmischer Sportymnastik angesiedelt. Eine Warteschlange südeuropäisch aussehender Männer vor einem Lokal erblickend, weiss ich, dass ich angekommen bin.

Niemals hätte ich für möglich gehalten, dass vier dünne Budweiser-Biere mich an den Rand der Trunkenheit bringen würden, aber es ist so. Die Anstrengungen des Morgens fordern ihren Tribut. Als ich mir zwei Stunden später meinen Weg durch die feiernden Tifosi bahne, sind meine Knie noch ein wenig weicher, als nach meinem Lauf.

War die Wahl des Schlafortes ursprünglich das Ergebnis einer eher sparsamen Budgetierung der Reise gewesen, so stellt sich nun für mich heraus, dass es gerade dieser Teil von NYC ist, der mich besonders fasziniert.  Queens ist ein Mikrokosmos verschiedener Kulturen, Sprachen und Religionen, häufig nur durch Straßen getrennt oder gerade mal einen Block entfernt.

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Vor allem die kulinarische Vielfalt hat es mir angetan. Die Auswahl an kleinen Restaurants in Queens ist schier grenzenlos.  Leider habe ich nur einen Magen. Im Zweifel gehe ich zuerst zum Inder, der hat in jedem Fall die nötige Schärfe im Essen, die ich so liebe. Aber auch in den arabischen Restaurants, den Latinoküchen und auch den asiatischen Restaurants werden Gaumenfreuden serviert.  Es sind keine Gourmetrestaurants, nein, es sind Orte, an denen Einwanderer in authentischer Atmosphäre das kulinarische Erbe ihrer Heimat pflegen und bewahren. Touristen findet man hier nur selten.

Auf meinem Spaziergang von Queens bis nach Flushing am Tag nach dem Halbmarathon betrete ich alle drei Blocks eine neue Welt.  Aktuell sind die Schriftzeichen auf den handgeschriebenen Werbetafeln vor den Geschäften arabischen Ursprungs, einige Frauen tragen Kopftücher, die Männer lange Kaftans und Bärte. Kleine Lebensmittelläden und Esskantinen passierend, gelangen exotisch-süße Gerüche in meine Atemwege, die Gewürze des Orients.

Die zumindest scheinbar friedliche Koexistenz verschiedener Ethnien wirft bei mir die Frage auf, warum ein großer Teil der Menschen zu Hause die vielen Segnungen ethnischer und kulinarischer Vielfalt nicht wünschen oder nicht zu würdigen wissen.

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Inder, Hispanics, Araber, Asiaten und Osteuropäer, Queens ist ein Schmelztiegel der Kulturen, authentisch und ein reales Stück Zeitgeschichte der Großstadt New York. Der morbide Charme alter Fabrikhallen, maroder Geschäftshäuser und dunkler Metrobahnhöfe vollenden das Bild und beflügeln gleichermaßen die Phantasie des Schriftstellers. Nicht umsonst war und ist Queens als Schauplatz vieler Kriminalgeschichten die erste Wahl.

Im Vergleich zu Queens ist Zentral-Manhattan nur eine Scheinwelt, aufpoliert, rausgeputzt und zur Schau gestellt. Aber deswegen nicht weniger interessant.

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Nur soviel: Ein Paar Chucks habe ich in sechs Tagen New York durchgelaufen und am Ende im Hotel gelassen. Die Metro habe ich nur für die Fahrten von Queens nach Manhattan benutzt.

Eine Stadt zu Fuß zu erkunden ist sicher anstrengend, aber für mich der ultimative Weg. Von der Wall Street bis nach Harlem, von Soho nach Brooklyn, von Hells Kitchen zur Upper East Side oder von Queens nach Flushing, grenzenlose Vielfalt auf dichtbesiedeltem Raum.

Wer glaubt, ausschließlich durch den Besuch unzähliger Museen etwas über die Stadt zu erfahren, bitteschön, ich schau mir lieber die Stadt mit Ihren Wohnvierteln etwas genauer an, denn gerade Letztere erzählen häufig ungefragt ihre spannenden Geschichten. Selbst schuld ist derjenige, der sich seine Highlights von den gängigen Reiseführern diktieren lässt.

Meine persönlichen NYC-Highlights:

  • Queens und die Kulturenvielfalt
  • private NYC Half-Marathon
  • Time Square bei Nacht
  • Ein Nachmittag mit einem guten Buch im Central Park
  • Brooklyn Heights
  • Harlem

Da Bilder deutlich mehr sagen als Worte, habe ich meine Schnappschüsse als Appetitmacher vor, zwischen und hinter die Zeilen gepackt.

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