Montag, März 1, 2021
Barfuss-zum-Mond

Traumpfad ins Schattenreich

– LESEPROBE

Thriller

von

Andreas Kornowski

In Erinnerung an eine Reise über
fünf Kontinente

 

Copyright © 2014 by Andreas Kornowski

PROLOG

    Das Gesicht des übergewichtigen Mannes dünstete im eigenen Schweiß. Trotz der frühen Morgenstunde war es bereits so heiß im Outback, dass er dem Impuls, sich die Maske vom Gesicht zu reißen, nicht mehr länger widerstehen konnte. Er hatte das beklemmende Gefühl, sein wuchtiger Schädel sei in einem türkischen Dampfbad gefangen. Nervös verfolgten seine Augen das Ende des ungleichen Kampfes. Sein Atem stockte. Erst, als der Körper der Frau in sich zusammensackte, wagte er einen kräftigen Zug.
»Die kleine Katze hat mir den Hals zerkratzt.« fluchte der andere und riss sich Rocko vom Gesicht.» Leg sie in die Kiste und sorge dafür, dass sie nicht aufwacht, bis wir sie dem Tiger zum Fraße vorwerfen.« sagte er bestimmend und steckte den in Chloroform getränkten Lappen in seine Hosentasche. Der Dicke befreite sein hochrotes Gesicht von Taz und wischte sich mit seinem T-Shirt den Schweiß von Stirn und Wangen. Der andere schaute ihm ungeduldig dabei zu.
»Nun mach schon, ich möchte hier nicht gesehen werden.«

     Niemand nahm Notiz von der alten Limousine, als diese unauffällig auf den Stuart Highway abbog. Zu viele Fremde waren in den letzten zwei Jahrzehnten in die Stadt gekommen, als dass die Bewohner ihnen noch große Beachtung schenken würden. Nur fünf Minuten später war der Wagen im Nirgendwo verschwunden.

Kapitel 1

    Barney Tyler hörte, wie der Schlüssel im Schloss gedreht wurde. Mit einem Satz Bettwäsche, dem orangefarbenen Overall mit der Nummer sowie einem blauen Trainingsanzug unter seinem rechtem Arm schaute er sich in dem Raum um. In dem kleinen Zimmer gab es nichts Bemerkenswertes, ein Waschbecken, ein WC, ein Spiegel, zwei Spinde und zwei Pritschen, fertig war die Einrichtung. Von einer der beiden Pritschen aus starrten ihn zwei Augen aus einem dümmlich wirkenden Gesicht an. Vier äußere Merkmale des Mannes stachen besonders hervor: Die Hakennase, dazu dunkle wilde Locken, weit aufgerissene Augen und ein Blick, der nicht passender das Gedankenvakuum des Mannes hätte repräsentieren können. Das musste Bogdan sein. Bogdan begrüßte ihn nicht, verfolgte aber stumm jede seiner Bewegungen, als er seine säuberlich gefaltete Ausrüstung neben der zweiten Pritsche ablegte. Mit geübten Bewegungen spannte Barney das Betttuch über die durchgelegene Matratze und breitete die filzige Decke darauf aus. Danach zog er einen frisch gewaschenen Bezug über das breite Kopfkissen und legte es ans Ende der Pritsche. Eine Wolke aus Schweiß und Knoblauch drang in seine Nase. Tief in seinen Gedärmen machte eine Welle aus Ekel und Antipathie die Runde. Sogar ein harter Hund wie er bekam es mitunter mit Brechreiz zu tun, wenn man seine Sinne überforderte.
Wortlos ließ er sich auf dem frisch gemachten Nachtlager nieder, verschränkte die Arme hinter dem Kopf, starrte die Decke an und wartete. Eine Minute, zwei Minuten, drei, vier, fünf. Bogdans zunehmende Unruhe wurde mit jeder Sekunde greifbarer. Stumm begann Barney den Countdown runter zu zählen: Zehn, neun, acht. Bei sechs begann der andere zu hüsteln, bei vier hatte er sich die Worte zurechtgelegt, bei drei öffnete er den Mund und sprach sie aus:
»Alles klar?«
Langsam, fast schon wie in Zeitlupe drehte Barney den Kopf zur Seite und sah dem Mann tief in die Augen. Es war Teil seines Spieles, mit dem Antworten zu warten. Stattdessen musterte er Bogdan genauer. Bulliger Körper, gut trainiert und muskulös. Bestimmt nicht ohne Grund hatte Bogdan ihn mit entblößtem Oberkörper begrüßt. Es sollte eine klare Ansage sein, wer Chef in dieser Zelle war. Doch das Verhalten des Neuankömmlings nötigte ihm bereits Respekt ab, auch wenn er sich das nicht eingestand. Barney kannte viele Menschen wie Bogdan und er wusste genau, welche Hebel er ziehen musste, um einen großen bösen Jungen kampflos in dessen Schranken zu weisen.
»Aber sicher. Und bei dir?«
Bogdan hatte offensichtlich nicht mehr mit einer Antwort gerechnet und stammelte nur:
»Ja klar. Sicher.«
Barney wandte den Blick ab und starrte wieder an die Decke. Mit ungläubigem Staunen quittierte Bogdan das Ende der kurzen Konversation. Es dauerte einige Sekunden, bis er seinen starren Blick von dem Fremden löste, der ihn offensichtlich nicht für vollwertig hielt. Die Mehrzahl derer, die frisch in ein Gefängnis kamen, wirkten verunsichert oder waren aggressiv, andere wiederum deprimiert und ängstlich. Nichts von alledem konnte Bogdan an Barney feststellen, im Gegenteil, der Neuling demonstrierte Stärke und Gelassenheit. Sichtbar irritiert zog er eine Zeitschrift unter seinem Kopfkissen hervor und begann, darin zu blättern. Zwischendurch schaute er immer wieder, ob sich der Sonderling auf der Pritsche gegenüber regte. Bald lag auch er rücklings auf seiner Pritsche. Der Versuch, sich Gedanken über ein mögliches Profil des Mannes zu machen, überforderte ihn derart, dass er nach wenigen Minuten einnickte. Barney registrierte dies mit einem Schmunzeln.

    Mit offenem Mund schnarchend lag Bogdan auf seiner Pritsche, nicht den Hauch einer Ahnung davon, was Barney alles über ihn wusste. Der kannte Bogdan so gut wie einen Bruder. Von seiner Geburt im serbischen Novi Sad vor 34 Jahren bis zu seiner Verhaftung in Sydney vor einem halben Jahr kannte er jedes noch so unwichtige Detail. Denn, wenn es eine Schwachstelle in dem Netzwerk gab, dann ihn. Nur aus diesem Grund war Barney hier. Er würde seine Rolle hier im Gefängnis von Lithgow nicht nur gut, sondern perfekt spielen. Zum Schluss, so hoffte er, würde er den Virus aus dessen Mitte heraus vernichten. Er, der Bulle, der in Wirklichkeit nicht ein-mal Barney hieß.

    Der Alltag im Lithgow Correctional Center war eine Endlosschleife absolut identischer Abläufe, so wie in jedem Gefängnis. Weck,- Ess- und Einschlusszeiten wurden minutiös eingehalten, die Arbeit in der Näherei begann, wenn man nach dem Frühstück seine Karte durch den Zeitscanner der Werkstatt zog. Obwohl man hier nicht zur Arbeit gezwungen wurde, hatte man sich dafür entschieden, war ein 8 Stunden-Tag Pflicht. Die Zeit, die man beim Frühstück oder Mittagessen vertrödelte, saß man abends nach. Neben dem Bekämpfen der Langeweile, die eine 25-jährige Haftstrafe mit sich bringt, war die Arbeit in der Näherei oder dem technischen Bereich nebenan, wo Computerkabel gefertigt wurden, auch eine willkommene Einnahmequelle. Kleine Annehmlichkeiten wie Zigaretten, Schokoriegel oder ein eigener Fernseher erleichterten die Bürde des Gefangenseins enorm. Wenn keine Gelder von außen kamen, blieb einem nur die Arbeit in den Werkstätten, wollte man auf diese Dinge nicht verzichten. Barney verbrachte nur aus einem Grund seine Zeit in der Näherei und der hieß Bogdan. Warum der Mann hier arbeitete, war ihm nicht klar, denn er wurde wöchentlich von einem Mitglied des Mäd-chenhändlerrings, dem er angehörte, besucht und mit der Höchstmenge Barem ausgestattet, die im Gefängnis erlaubt war. Vermutlich spekulierte er auf eine vorzeitige Entlassung, wenn er sich nichts zuschulden kommen ließ und fleißig einer geregelten Tätigkeit nachging. Allerdings waren die Aussichten auf Haftverkürzung für einen Mann, der einer Frau sämtliche Gesichtsknochen gebrochen und zudem bei der Festnahme noch zwanzig Gramm Heroin bei sich geführt hatte, sehr gering. Mit großer Wahrscheinlichkeit würde er die sechs Jahre, zu welchen er verknackt worden war, bis zum letzten Tag absitzen müssen. Er hatte die Frau, eine junge albanische Prostituierte, nachts auf offener Straße brutal zusammengeschlagen, weil sie davongelaufen war, als er sie vergewaltigen wollte. Da zu später Stunde noch Menschen im Rotlichtviertel unterwegs waren, gab es genügend Zeugen, die mutig genug gewesen waren, die Polizei zu rufen. Barney unterdrückte den Impuls, den Mann für seine feige Tat, büßen zu lassen, täglich mit professioneller Disziplin. Dass er als Cop Details der Tat kannte, die ein Außenstehender gar nicht wissen möchte, machte seine Aufgabe im Umgang mit dem Schläger nicht leichter.

     Für das Syndikat war Bogdan wegen seines Jähzorns und der Neigung zu unbesonnenem Handeln eine große Gefahr. Dass er überhaupt Teil des Verbrechersyndikats geworden war, verdankte er seiner berüchtigten Skrupellosigkeit und Brutalität sowie der Fügung, dass er der kleine Bruder des mächtigen Bosses einer weltweit agierenden Mädchenhändlerbande war. Die hohen Herren brauchten seine Kontakte, deshalb legten sie dem Dummkopf gerne Windeln an und gaben ihm die Brust. Bogdan verrichtete die Drecksarbeit für diejenigen, die im Hintergrund die Fäden zogen. Die Versorgung der Frauen mit harten Drogen gehörte ebenso zu seinen Aufgaben, wie die Bestrafung unerlaubter Handlungen. Seine Dienste wurden fürstlich honoriert, damit die Bezugsquellen aus Europa auch weiterhin sprudelten. Nun hatten sie allerdings ein Problem. Der kleine Bruder befand sich dort, wo er ihnen am wenigsten schaden konnte, doch das gefiel dem mächtigen großen Bruder in Europa nicht sehr. Bereits mehrfach hatte er verlauten lassen, man habe sich jetzt um seine Entlassung zu kümmern.

    Von der 19-jährigen Albanerin hatte die Polizei die übliche Geschichte gehört. Eine Gruppe serbischer Männer war in ihrem Dorf aufgetaucht und den Menschen glaubhaft gemacht, wie leicht es sei, Arbeit als Hausangestellte bei wohlhabenden australischen Familien zu bekommen. Es könnten aber nur junge und gut aussehende Frauen mitgenommen werden, da bei der Auswahl der Hausmädchen sehr stark auf ein ansprechendes Äußeres geachtet werden würde. Als Ehre habe sie es empfunden, als man von allen jungen Frauen aus dem Dorf nur ihr das Angebot unterbreitet hatte, nach Australien auszuwandern. Daraufhin habe sie das gesamte Ersparte der Familie zusammengekratzt, um das Ticket für die Überfahrt zu bezahlen. Doch schon bei der Überfahrt sei ihr dann alles seltsam vorgekommen. Das Schiff sei kein Passagierschiff gewesen, sondern ein großes Frachtschiff. Anstatt in einer eigenen Kajüte lebten sie mit 40 Frauen in zwei Schlafsälen mit nichts weiter als einem Waschbecken, einer offenen Toilette und von Ratten angefressenen Matratzen als Schlafplätze. Die meisten der Frauen stammten aus Rumänien, jede von ihnen hatte man mit denselben Versprechungen auf das Schiff gelockt. Schon auf dem Schiff habe es Vergewaltigungen und körperliche Gewalt gegeben. Bei der Ankunft in Australien waren sie mit verbundenen Augen von Bord gebracht worden, einige Stunden hatten sie noch im Laderaum eines Roadtrains verbracht, bis sie schlussendlich in Sydney angekommen waren. Von dort aus ging es gleich in eines der versteckten Bordelle der Stadt.  Eine Zeit lang musste sie den Freiern in einem alten Fabrikgebäude in Sutherland zu Willen sein, dann brachte man sie nach Surry Hills und sperrte sie in ein Penthouse, in dem ihre Peiniger ein illegales Bordell betrieben.
Zuletzt lebte sie in einem Kellerraum unter einem der Nachtclubs in Kings Cross. Zu ihr fanden nur Stammkunden, die als sicher eingestuft wurden, den Weg. Einmal wöchentlich wurde sie von einer Limousine abgeholt und zu einer Luxusvilla nach Manly oder der Rose Bay chauffiert, wo sie und andere Mädchen es auf geheimen Sexpartys mit reichen und einflussreichen Männern trieben. Schon kurz nach ihrer Ankunft in Sydney habe man ihr den ersten Schuss verabreicht, seitdem drehte sich für sie alles nur noch um die Droge und sie tat alles dafür. Allerdings würde sie nie freiwillig mit einem Serben schlafen, aus patriotischen Gründen. Sie hatte sich bereit erklärt, gegen Bogdan auszusagen, wenn man sie nach dem Prozess in ihre Heimat zurückkehren ließ.

    Mit einer Geschicklichkeit, die man dem Mann mit den schaufelgroßen Händen niemals zugetraut hätte, zog Bogdan den Stoff durch die Nähmaschine. Die Nähte seiner Einkaufstasche waren schnurgerade, als er das fertige Produkt auf den Stapel neben ihm legte.
Barney dagegen tat sich da schon etwas schwerer, weil er nicht wirklich bei der Sache war. Seine Taschen wurden faltig, da er beim Durchziehen des Stoffs immer wieder die vorgegebene Linie verließ. Zu intensiv studierte er das Verhalten seines Zellengenossen.

    Lange würde er die monotone Tätigkeit nicht durchhalten. Für ihn galt es nur, heraus zu finden, warum der kantige Serbe hier war. Auf keinen Fall wollte er Bogdan zu sehr auf die Pelle rücken, zumal er abends auch mit ihm zusammen im Fitnessbereich Gewichte stemmte. Sein Verdacht, dass irgendetwas über die Werkstatt herein oder heraus geschmuggelt wurde, bestätigte sich allerdings nicht.
Nach zwei Wochen kündigte Barney den Job in der Näherei. Von diesem Tag an nahm er an einer Schulungsmaßnahme zum Thema Umgang mit moderner Informationstechnologie teil. Einen Internetzugang gab es zwar nicht, aber das Abtauchen in die Tiefen kaufmännischer Software war schon spannend genug. Am Ende der ersten Woche hatte er selbständig einen Brief verfasst, ein selbst saldierendes Haushaltsbuch erstellt und die Stromkosten des Gefängnisses für die kommenden vierzig Jahre kalkuliert. Ob seine Berechnung auf lange Sicht korrekt sein würde, würde er nicht mehr kontrollieren können, denn sein Aufenthalt in der Besserungsanstalt Lithgow war auf sechs Monate begrenzt.

Kapitel 2

    Den Hut hatte ihm einst Willie Nelson geschenkt, hier würde er ihm treue Dienste tun. Daniel wusste es in dem Moment, als er aus dem Schutz des klimatisierten Flughafengebäudes heraustrat. Er hatte seinen Rucksack selbst aus dem Frachtraum der kleinen Propellermaschine nehmen müssen, war steif durch das kleine Flughafengebäude geschlendert und stand jetzt auf der Straße in Richtung Stadtzentrum. Trotz der Schatten spendenden Hutkrempe lief ihm bereits jetzt der Schweiß über das Gesicht, dabei hatte er hier draußen kaum einen Fuß vor den anderen gesetzt. Unvorstellbar, dass es hier im Outback in der Nacht klirrend kalt werden konnte.

    Der Flug von Sydney nach hier war trotz der großen Sorge ein faszinierendes Erlebnis für Daniel gewesen. Er hatte gesehen, wie die Farbe des Bodens tief unter ihm von grün in braun und später in rot übergegangen war und sich parallel dazu die Besiedlungsdichte verändert hatte. Zuerst die Metropole und deren Vororte, im weiteren Verlauf kleine Städte, Siedlungen, irgendwann nur noch einzelne Höfe und dann gar nichts mehr. Bis irgendwann – umrahmt von kleineren Bergen – die Stadt Alice Springs unter ihnen aufgetaucht war. Einer der Passagiere deutete auf einen Obelisken, der auf einem Hügel ca. 20 Meter in den Himmel ragte und erklärte ihm, dass dies der Anzac Hill sei, von dort habe man die beste Aussicht auf die Stadt. Daniel bedankte sich brav für diese Information. Die außergewöhnliche Landschaft und die Kultur dieses Landes würden ihn zweifellos noch in ihren Bann ziehen, aber erst, wenn die Suche nach seiner Schwester Bibi erfolgreich beendet worden war. Die mitreisenden Einheimischen hielten ihn für einen Touristen. Verständlich. Ein Europäer, der nach Alice Springs fliegt, was wird der schon da wollen? Das übliche Programm, im Umkreis von 300 Meilen befinden sich der Ayers Rock, der Mount Olga und der Kings Canyon. Eine große Anzahl Fremder besucht auch den Hauptstützpunkt des Flying Doctor Service in der Stadt, der sich schon vor Jahren mit dem Tourismus ein lukratives zweites Standbein geschaffen hatte. Daniel hatte sich vor seiner Abreise intensiv mit der Topographie Australiens beschäftigt, um bei der Suche nach seiner Schwester systematisch vorgehen zu können, obwohl das in einem Land von der Ausdehnung Australiens schwierig war. Seine weitere Vorgehensweise würde in starkem Maße von den Aussagen der Reisegefährtinnen der Verschwundenen abhängen.
Ah, ja Celine, Jennifer und Karen, wollten sie ihn nicht vom Flughafen abholen? Daniel hielt Ausschau, konnte jedoch keine jungen Damen auf der Straße vor ihm sehen. Oder sollte er in ihr Backpacker Hostel kommen? Er kramte in seiner Bauchtasche, den Namen des Hostels hatte er sich aufgeschrieben, da war er sich sicher, aber wo war der Zettel? Ah, hier. Roll´in Backpackers, Todd Street 17, Alice Springs stand auf der Rückseite eines Kassenbons aus dem Supermarkt. Von Jenny wusste er, die Todd Street war eine Fußgängerzone im Stadtzentrum. Der freundliche Mann, der ihn im Flugzeug angesprochen hatte, bot ihm an, ihn auf der Pritsche seines Pickup mit in die Stadt zu nehmen.

    Alice Springs ist nur eine Kleinstadt inmitten des weitläufigen Outbacks Australiens, aber einer der wichtigsten Knotenpunkte des Landes. Sehr lange würde die Fahrt nicht dauern, bis zur Stadt waren es nur einige Kilometer. An die Pritschenwand gelehnt, beobachtete Daniel die vorbeirauschende Landschaft mit gespanntem Interesse. Hier unten sah die Erde in der unmittelbaren Umgebung noch tro-ckener und roter aus, als aus der Luft betrachtet. Sie fuhren über den Stuart Highway bis rechts vor ihnen eine Pferderennbahn auftauchte. Allmählich wurde es grüner. Hinter einem Park konnten sie in einiger Entfernung die ersten Häuser der Stadt erkennen. Fasziniert betrachtete Daniel die Luftspiegelungen in Horizontnähe. Kurze Zeit später bogen sie vom Highway ab. Die Reise führte weiter über gut ausgebaute Straßen zu einem Parkplatz vor einer weitläufigen Golfanlage. Dort hielt der Pickup. Der Mann deutete grob in die Richtung, die in die Stadt führte, als Daniel sich dankend verabschiedete.

     Daniel war der wohl erfolgreichste Journalist und Eventmanager in der Musikszene seiner Zeit. Seit Beendigung seines Studiums war er als freier Mitarbeiter für mehrere namhafte Musikzeitschriften und Konzertveranstalter tätig. Er organisierte große Konzerttourneen, führte die Vertragsverhandlungen mit den Rockgrößen und legte zusammen mit ihnen die Termine fest. Darüber hinaus wirkte er an Fernsehproduktionen mit, die exklusiv über das Leben zahlreicher Künstler wie Mick Jagger, David Bowie, Tom Waits oder Axl Rose berichteten. Er besuchte Konzerte in ganz Europa und pflegte Freundschaften zu vielen Größen der Szene, die mittlerweile für einen Interviewtermin bei Daniel Schlange standen, nur um im Blickpunkt der Öffentlichkeit zu bleiben. Sein Insiderwissen war einzigartig in der Musikwelt. Auch wenn er selbst nie im Rampenlicht stand, war er eine der Schlüsselperson der Szene. Ohne seine Kontakte lief gar nichts. Den Überblick über die Honorare, die auf sein Privatkonto flossen, hatte er schon vor langer Zeit verloren. Er staunte nur immer wieder, wie schnell sein Vermögen wuchs. Oftmals hatte er über einen langen Zeitraum hinweg außer den monatlichen Fixkosten keinerlei Privatausgaben, da für die Dauer seiner Dienstreisen immer ein Auftraggeber da war, der seine Spesen übernahm. Für die Zeit der Suche nach Bibi hatte er seiner Sekretärin Stacy die Vollmachten über alle laufenden Projekte übertragen und sie angewiesen, während seiner Abwesenheit sämtliche Chefredakteure und Konzertveranstalter zu vertrösten.

    Nach einer kurzen Wanderung entlang des Todd Rivers erreichte er eine Wohnsiedlung, die er für typisch für diese Gegend hielt. Schlichte Holzbauten, nachlässig gepflegt mit Veranden und kleinen kargen Vorgärten, in denen nur vereinzelt Büsche gepflanzt waren. Die weiße Farbe blätterte von den Wänden, die Garageneinfahrten waren weder geteert noch gepflastert. Nur die Autos davor passten nicht so recht in das Bild. Große Pick-ups, Jeeps und Kleinlaster standen dort geparkt. Daniel begriff, wie praktisch und gleichermaßen lebensnotwendig ein großes Auto mit Allradantrieb und riesigen Stauräumen für die Menschen in der kleinen Oase im Zentrum des Outbacks war.

    Je mehr sich Daniel dem Zentrum der Stadt näherte, desto größer, schöner, stabiler und gepflegter wurden die Häuser entlang der Straße. Hier und da sah man sogar eine gepflasterte Auffahrt, auf dem eine Limousine parkte, Kinder spielten in einem der Gärten hinter den Häusern Football. Von der Straße aus konnte Daniel ihnen zusehen, wie sie rannten und zuhören, wie sie sich gegenseitig Befehle zubrüllten, die er jedoch nicht verstand.
»Hallo Fremder, auf der Suche nach dem großen Abenteuer?«
Neben einem röhrenförmigen Briefkasten, der an der Grundstücksgrenze auf einem Holzpfeiler stand, saß ein alter Mann auf einem Stuhl. Daniel hatte ihn zuerst nicht gesehen, da ihm die Sicht durch einen Busch versperrt gewesen war. Daniel schaute den kleinen drahtigen Kerl verdutzt und ein wenig misstrauisch an. Der Mann war so um die fünfundsechzig Jahre alt, unrasiert und trug einen blauen Arbeitsoverall, obwohl er nicht aussah, als ob er an diesem Tage gearbeitet hätte. Im Gegenteil, neben seinem Stuhl stand der Rest eines Six-Packs Victoria Bitter, er hatte an diesem heißen Vormittag bereits ein Bierchen oder mehr getrunken. Er hatte hellblaue, freundliche Augen, die Haut in seinem Gesicht war von der Sonne gegerbt. Wenn es so etwas wie den Prototypen eines Outback-Veterans gab, dann war es dieser alte Mann. Das anfängliche Misstrauen Daniels verschwand schnell, als der Mann ihn von seinem Stuhl aus freundlich angrinste.
»Ich brauche nicht nach einem Abenteuer zu suchen, ich stecke bereits mitten drin.«
»Du Glücklicher, die meisten anderen kommen her, schauen sich den Berg an und die Olgas, kaufen sich Souvenirs und verschwinden wieder. Zu Hause zeigen sie dann die Fotos ihren Freunden und glauben tatsächlich, sie hätten das Abenteuer ihres Lebens erlebt. Und jetzt treffe ich einen glücklichen Mann, der bereits mitten in einem Abenteuer steckt, obwohl er noch nicht einmal ganz in der Stadt ist. Auf deine Geschichte bin ich gespannt, sehr gespannt. Wenn sie gut ist, erzähle ich dir ein paar spannende Geschichten aus meinem Leben, das ausschließlich hier im Outback stattgefunden hat.«
»Sie haben ihr gesamtes Leben hier verbracht?« Daniel konnte es kaum glauben.
»Langweilig, denkst du jetzt vielleicht, ein Mann der sein Leben hier in dieser Einöde verbracht hat, kann doch nichts erlebt haben. Es ist doch das, was ihr Europäer glaubt, um was zu erleben, muss man in die Ferne. Weit gefehlt, ich war nie in Europa oder den Vereinigten Staaten, um ehrlich zu sein, ich war auch noch nie in Sydney oder Melbourne. Und doch hätte mein Leben nicht spannender sein können.«
»Sind sie Rettungsflieger bei den Flying Doctors?« fragte Daniel.
»Was ich war – ich arbeite nicht mehr – erzähle ich dir später. Erst will ich deine Story hören. Dann werde ich wissen, ob ich nicht meine Zeit verschwende. Was nützt es, jemandem eine Geschichte zu erzählen, der sie ohnehin nicht versteht?«
»Um ehrlich zu sein, habe ich wenig Zeit…….« begann Daniel.
»Ein sehr schlechter Anfang. Menschen, die keine Zeit haben, werden niemals etwas erleben. Gib den Dingen die Zeit, der Rest stellt sich von alleine ein.« Der Mann blickte etwas enttäuscht drein. Seine Befürchtung, hier nur wieder einen rastlosen Europäer vor sich zu haben, der das Streicheln eines Kängurus für ein Abenteuer hielt, schien sich zu bestätigen.
»Nein…« begann Daniel erneut »…es ist nicht so, wie sie denken, ich bin nicht hier her gekommen, um irgendwas zu erleben, ich suche meine Schwester.«
»Lebt sie hier?«
»Nein, sie könnte jedoch hier in der Nähe sein – wir wissen es nicht.«
»Das musst du mir einmal genauer erklären.« Der alte Mann zog seine buschigen Brauen hoch.
»Und da es sicher etwas länger dauern wird, würde ich vorschlagen, dass wir uns auf die Veranda setzen. Du hast sicherlich Durst und kannst ein Bier vertragen. Beim Bier erzählt es sich doch besser, nicht wahr, mein Junge.«
Daniel nickte kurz und sie gingen auf die Veranda. Der Alte drückte ihm eine Dose Bier ihn die Hand.
»Trink erst mal einen Schluck, mit trockenem Mund redet es sich nicht so gut.«
Daniel tat, wie der Mann es ihm vorschlug und atmete tief durch.
In seiner Bauchtasche befand sich eine Anzahl Fotos, Daniel nahm sie heraus und reichte sie dem alten Mann.
»Die junge Frau auf den Fotos ist meine Schwester Bibi.«
Seine jüngere Schwester Bibi war seit sieben Monaten in Australien. Gerade mal 21 Jahre alt, war sie mit drei Freundinnen aufgebrochen, um ein Jahr lang in Australien zu reisen und zu arbeiten.

    Daniels Geschichte begann an jenem Abend zwei Wochen zuvor, an welchem er von einer seiner zahlreichen Dienstreisen in seine in einem Altbau gelegene Dachgeschoßwohnung in der Aachener Innenstadt, die er seit seiner Scheidung bewohnte, zurückgekehrt war. Ahnungslos hatte er auf die Nachrichtentaste seines Anrufbeantworters geklickt, als er von der Schreckensnachricht erfuhr. Dabei hatte es ganz harmlos begonnen: Offenbar verwählt hatte sich der erste Anrufer. Unverständlich geflüsterte Wortfetzen, dazu ein lautes Dröhnen im Hintergrund. Nach wenigen Sekunden war das Gespräch abrupt abgebrochen. Der zweite Anrufer war seine Mutter gewesen. Die üblichen Frage nach dem Befinden und die Bitte um Rückruf. Der dritte Anruf stammte von Stacy, seiner Assistentin. Das Treffen mit `The Boss` in LA in der kommenden Woche sei von dessen Management abgesagt worden. Bruce hätte es ganz schön erwischt. Daniel war schon auf dem Weg zum Kühlschrank gewesen, als ein erneutes Piepen des AB eine weitere Nachricht angekündigt hatte. Die Anruferin hatte sehr schnell und mit tränenerstickter Stimme gesprochen. Es war Jenny, Bibis beste Freundin gewesen. Sie waren in Alice Springs und sie würde wieder anrufen. Sie wusste zudem nicht, wie sie es ihm beibringen sollte aber….. Bibi war an diesem Morgen spurlos verschwunden.
Und so war es. Seine Schwester war wie vom Erdboden verschluckt. Nach einem geplanten Abschied sah es wirklich nicht aus, Bibi hatte nahezu ihr gesamtes Gepäck zurück gelassen, es fehlten lediglich ein paar leichte Bekleidungsstücke, Ihr Tagesrucksack, ein wenig Geld und ihr Reisepass. Seitdem hatte Jenny täglich bei Daniel angerufen, immer in der Hoffnung, dass Bibi sich bei ihm gemeldet und den Grund verraten hatte, warum sie abgehauen war.

    Doch Bibi blieb verschwunden. Daran änderte sich auch nichts, als Daniel das deutsche Konsulat in Sydney informierte und Kontakt mit der Polizei in Alice Springs aufnahm. Die Polizei maß dem Verschwinden der jungen Frau zunächst nicht allzu viel Bedeutung zu, sagte aber letztendlich doch ihre Unterstützung zu. Leider war die Kommunikation zwischen Deutschland und dem australischen Outback nicht immer einfach. Wenn die die Verbindung mal dauerhaft hielt, war der Angerufene oft nur sehr leise zu hören. Oder es war Mister McNonan am Apparat, der Polizist mit dem fürchterlichsten Slang, den Daniel sich vorstellen konnte.

    Erst nach einer Woche war etwas Bewegung in die Sache gekommen. Die Polizei in Alice Springs startete eine Suchaktion. Mit Offroadfahrzeugen wurde die nähere Umgebung der Stadt abgesucht. Man telefonierte hierhin und dorthin, checkte die Fluglisten der Airlines am Flughafen von Alice Springs sowie die Gästelisten aller Backpackerunterkünfte im Umkreis von 1500 Kilometern. Ohne Erfolg.
Doch der Eindruck, die australische Polizei würde die Suche nicht mit dem nötigen Nachdruck betreiben, war geblieben. Daniel hatte es nicht verstanden. Nichts deutete auf eine überlegte Abreise hin. Für ihn waren die Argumente McNonans oder seines Chefs nichts als Ausflüchte für deren fehlendes Engagement in der Sache.
»Ich kenne meine Schwester nur als ehrliche und geradlinige Person, sie hätte einfach gesagt, ich gehe da- und dorthin und fertig.« hatte Daniel dem Chief der Polizei von Alice Springs, einem Mann namens Frank Hartlepool, zu verstehen gegeben.
Der erwiderte nur lapidar, es sei einfach noch zu früh, um sich wirklich Sorgen zu machen.
»Wissen sie eigentlich, wie oft wir uns in der Vergangenheit lächerlich gemacht haben, nur weil sich junge Leute von ihrer Gruppe getrennt haben und alleine weitergereist sind?« hatte er ihm am Telefon gesagt. Und »Haben sie schon mal daran gedacht, dass da vielleicht ein junger Mann im Spiel sein könnte?«
Daniel betonte im weiteren Verlauf des Gespräches mit dem Chief noch häufiger, wie intelligent und selbstbewusst Bibi war. So jemand geht nicht ohne eine Nachricht und lässt Menschen in Sorge zurück. Die jungen Frauen hatten das Zimmer, welches sie sich mit Jenny teilte, genau durchsucht, jedoch nichts dergleichen gefunden. Das Verhalten würde einfach nicht zu ihr passen. Der Chief meinte daraufhin, die beschriebenen Charakterzüge seien eine gute Voraussetzung für ein erfolgreiches Leben. Ob die sie allerdings davon abhalten würden, eine große Dummheit zu begehen, wäre noch zu klären. Daniel war sich sicher, Bibi würde diesen Weg nicht gegangen sein. Daher hielt er jede weitere Diskussion zu diesem Thema für überflüssig. Er bedankte sich höflich beim Chief und beendete das Gespräch.

    Da aus Sicht der Polizei in Alice Springs weitere Suchaktionen in der Umgebung der Stadt keine Aussicht auf Erfolg versprachen, war die Fahndung nach Bibi auf alle Bundesstaaten ausgeweitet worden. Irgendwo würde sie sicher schon eine Spur hinterlassen haben. Doch auch fast zehn Tage nach Bibis Verschwinden waren weder auf ihrem deutschen, noch auf ihrem australischen Bankkonto Barabhebungen neueren Datums festzustellen. McNonan maß dieser Feststellung jedoch wenig Bedeutung bei. Schließlich war seit den brutalen Morden des berüchtigten Serienkillers Ivan Milat vor gut zehn Jahren kein Tourist mehr in Australien entführt oder ermordet worden. Am Ende waren sie alle wieder aufgetaucht. Die Liste möglicher Erklärungen sei seitenlang. Sie würde letztlich in einen Bus oder in das Auto eines anderen Reisenden gestiegen sein. Ein Liebhaber, ein junger kräftiger Bursche, der ihr das große Abenteuer verspricht, wäre ohnehin immer ein realistischer Ansatz. Er habe versucht, in diese Richtung zu fahnden, aber bei dem Kommen und Gehen in der Stadt wäre das nicht leicht gewesen. Alle Backpackerunterkünfte und Campingplätze habe er angefahren und die Ein- und Auschecklisten überprüft. Überall habe er nachgefragt, ob man sie gesehen hatte oder welche Männer allein mit dem Auto gereist sind. Jedenfalls sollte man niemals nie sagen, wenn es um junge Mädchen geht, bei welchen plötzlich die Hormone verrücktspielen, meinte McNonan zum Schluss. Daniel sah ein, dass er so nicht weiter kam. Sie wollten die Wahrheit nicht sehen. Wenn sie nicht ernsthaft nach Bibi suchen wollten, dann würde er es eben selbst tun. Noch am gleichen Abend hatte er den Flug nach Alice Springs gebucht.

    Am Ende blickte er gespannt zu dem alten Mann herüber und wartete auf eine Reaktion. Doch der schaute in den Himmel, als ob er Bibi dort finden würde und trank an seiner Dose Bier. Daniels Körper reagierte auf die Verärgerung, die das Schweigen des Alten in ihm auslöste. Sein Gesicht errötete, die Pulsadern schwollen ein wenig an. Er wollte dem Drang, aufzustehen und zu gehen, gerade nachgeben, als der Mann zu reden begann.
»Das ist deine Version der Geschichte, die von McNonan habe ich auch schon gehört.«
»Du kennst McNonan?« fragte Daniel nach. »Der Mann hat den fürchterlichsten Slang, den man sich vorstellen kann.«
»Er ist der Cousin meiner verstorbenen Frau. Sie sprach wie er, sie hätten Linda mal hören müssen. Ihr ganzes Leben hat sie nur diesen Aussie-Slang gesprochen. Für uns kein Problem, aber für euch Ausländer. Jedenfalls ist McNonan der Ansicht, wieder einmal habe einem von euch die Sonne zu stark auf den Kopf geschienen. Man entledigt sich kurzerhand der Last der Mitreisenden, um von nun an frei und ungebunden unterwegs zu sein.«
Daniels Herz versank tief in seiner Magengrube, enttäuscht lehnte er sich zurück.
»Ist das alles, was ihr sagt oder tut wenn ein Mensch verschwindet?«
»Nein, das tun wir weiß Gott nicht. Wenn einer von uns verschwindet, schlagen wir sofort Alarm, weil wir wissen, die Lage ist ernst. Denn wir verschwinden nicht einfach so, wir sind hier geboren, wir leben und sterben hier. Keiner geht einfach so weg. Ab und an geht eins unserer Kinder nach Sydney oder Melbourne, weil er oder sie von einem Dasein mit viel Geld, wenig Arbeit und den ganzen Vorzügen des Großstadtlebens träumt. Aber die melden sich vorher bei uns ab. Verschwindet ein Tourist, dann kann das viele Gründe haben. Streit unter den Reisenden, Eheprobleme oder das, was McNonan mit zu viel Sonne angedeutet hat.
»Meine Schwester hatte nicht vorgehabt, weg zu gehen. Sie hatte nur einen Teil ihrer Papiere, Geld und einen Tagesrucksack dabei.«
»Sie wäre nicht die erste, die neben dem menschlichen Ballast auch ihr Gepäck zurücklässt.«
»Das würde sie nie tun. Es ist nicht zu fassen, obwohl alle Gegebenheiten für ein Verbrechen sprechen, zieht ihr es nicht einmal in Erwägung.«
»Spielt es denn eine Rolle, was wir glauben? Fakt ist, alle Fremden, die hier in den letzten Jahren als vermisst gemeldet wurden, sind irgendwann wieder aufgetaucht. In vielen Fällen sah es genauso aus, wie bei deiner Bibi. Es gab keine Spur und man konnte auch kein plausibles Motiv für ein Verschwinden erkennen. Hinterher war man meistens schlauer.«
»Also wartet ihr ab.«
»Was sollen wir denn sonst tun? Wie es scheint, gibt es nicht einmal einen Anhaltspunkt. Selbst, wenn wir ein Verbrechen vermuteten, was würde dies ändern? Außerdem wird ja mittlerweile in ganz Australien nach deiner Schwester gesucht.«
»Du warst selbst Polizist, richtig?«
»Nicht ganz, hier arbeiten viele Hände einander zu. Ich war Rettungsflieger, Sanitäter, Polizist und Feuerwehrmann. Hier musst du alles können, wenn du den Menschen wirklich helfen willst. Ich wurde dafür bezahlt, die Doktoren zu den Höfen außerhalb zu begleiten und den Vogel zurückzufliegen, wenn sich der jeweilige Arzt während des Fluges intensiv um den Patienten kümmern musste. Die haben mich häufig gebraucht, weil sie nie genau wussten, was sie vor Ort erwartete. Als Pilot und Krankenpfleger in Personalunion habe ich gleich mehrere Arbeitsbereiche abgedeckt und war vielfältig einsetzbar. Mit dem Job bei den Flying Doctors habe ich mein Geld verdient, die anderen Jobs habe ich freiwillig und unentgeltlich gemacht.«
»Du warst tatsächlich bei den Flying Doctors? Hört sich wahrhaftig spannend an. Dann gibt es niemanden, der besser geeignet wäre, nach verschwundenen Personen zu suchen.«
»Finde einen Hinweis und ich stehe dir zur Verfügung.« bot ihm der Alte lächelnd an. »Das ist schon eine seltsame Geschichte. Übrigens, ich könnte gleich mit einigen Episoden aus meinem Leben loslegen, wenn du möchtest.«
»Ein anderes Mal gerne. Ich bin müde und möchte nur noch ins Bett. Aber bevor ich gehe, möchte ich noch wissen, wie du heißt. Wir haben uns lange unterhalten und wissen nicht einmal den Namen des anderen. Also, ich heiße Daniel.«
»Und ich heiße Samuel, alle nennen mich nur den alten Sam.«
»Also Sam, mach es gut. Danke fürs Zuhören.« Daniel streckte ihm die Hand entgegen, während er aufstand.
»Gern geschehen, tut mir leid, dass ich im Moment nicht mehr für dich tun kann. Ich habe in meinem Leben nichts anderes getan, als Menschen zu helfen. Es gab mir ein gutes Gefühl und Geld gab es auch noch dafür. Wenn du in diesem Leben glücklich sein willst, musst du anderen helfen, wenn du nur an dich denkst, wirst du niemals wirklich zufrieden sein. Mach es gut und melde dich bei mir.«
Auf dem Weg in die Stadt dachte Daniel über das nach, was Sam zum Schluss gesagt hatte. Wer nur an sich denkt, wird niemals glücklich sein. Er erkannte die Wahrheit in dieser Botschaft und gestand sich ein, in den letzten Jahren wohl etwas an dieser Weisheit vorbei gelebt zu haben. Aber seine Suche nach Bibi war ja zumindest schon mal ein guter Anfang, obwohl es für ihn selbstverständlich schien, einem Menschen zu helfen, den man liebte. Seine Ex-Frau Patricia hatte versucht, ihrem gelähmten Zwillingsbruder zu helfen und er tat jetzt genau dasselbe, indem er nach seiner Schwester suchte. Erst in diesem Moment konnte er das fühlen, was Patricia nach Achims Motorradunfall gefühlt haben musste. Angst, Liebe, Mitleid und den Willen, zu helfen, egal wie hoch der Preis auch war. Der Preis für sie beide war hoch gewesen, da er nicht intensiv genug versucht hatte, sich in Patricia hineinzuversetzen. Eine Ironie des Schicksals, dachte er jetzt, jetzt werde ich dazu gezwungen, freiwillig wollte ich es ja nicht. Geschieht mir irgendwie recht, aber das Bibi etwas zugestoßen sein könnte, nur damit ich gewisse Dinge begreife, wäre eine grauenhafte Laune des Schicksals.

    Das Zentrum von Alice Springs lag vor ihm, jetzt musste er nur noch die Todd Street finden. Daniel stand an einer Kreuzung. Die kreuzende Straße war breiter und besser ausgebaut als die, auf der er sich befand und auch breiter, als alle anderen Straßen, die er bisher gesehen hatte. Alles deutete darauf hin, dass dies die Hauptstraße war, von der irgendwo die Todd Street abging. Ein Straßenschild sah Daniel allerdings nicht. Links neben ihm befand sich unter einem hölzernen Laubengang der Eingang zu einem kleinen Laden, über dem ein großes Schild mit der Aufschrift Handmade Aboriginal arts and gifts hing. Er drückte die Türklinke hinunter und erwartete, dass die Tür verschlossen sein würde, schließlich war es Mittag und bei dieser Hitze hatte wohl jeder Mensch sich eine Pause verdient. Entgegen seiner Erwartung ließ sich die Tür widerstandslos öffnen und er betrat das Geschäft. Der Laden war klein und voller interessanter Gegenstände. Daniel hatte sich noch nie in seinem Leben ein Souvenir gekauft, Souvenirs waren etwas für alte Leute und Amerikaner, dachte er. Wer will schon einen goldenen Miniatur-Eiffelturm in seinem Wohnzimmer stehen haben oder auf einem herzförmigen Kis-sen schlafen, auf dem steht I made a fortune in Las Vegas. Hier waren viele Gegenstände von gleicher Art, aber jedes dieser gleichartigen Stücke unterschied sich von den anderen. Auf einem Tisch links im Raum lagen ungefähr zwanzig Bumerangs. Sie waren nicht nur unterschiedlich groß, sondern ebenso individuell und facettenreich bemalt worden. Jedes für sich ein kleines Kunstwerk. Zum ersten Mal glaubte Daniel dem Hinweis auf handgemachte Souvenirs. Dahinter in der Ecke standen einige Didgeridoos, die genauso unterschiedlich und kunstvoll verziert waren wie die Bumerangs. Daniel hatte schon viel über die Kunstfertigkeit der Aborigines gelesen. Durch ihre Künste, Rituale und Tänze halten sie die Verbindung zur Traumzeit, ihrem Schöpfungsepos. Die Vorahnen werden durch diese Ausdrucksformen in ihnen wieder ein Stück lebendig, glauben sie. Der Reichtum an Farben in diesem kleinen Raum faszinierte Daniel. An den meisten anderen Orten hätte er dies als kitschig empfunden. Bunt bemalte Teller, Tassen, Holzgefäße, Flöten ja sogar Spazierstöcke standen auf Regalen oder hingen an Nägeln an der Wand. An der rechten Seite befand sich eine Regalwand, in der nichts als Akubra-Hüte ausgelegt waren. Auf dem Weg hierher hatte Daniel einen Mann gesehen, der einen der legendären Outbackhüte des australischen Traditionsunternehmens trug. Er hatte auf der Ladefläche seines Pick-Ups gesessen und ein Schläfchen gehalten, die Kopfbedeckung tief in das Gesicht gezogen. Links neben dem in der Raummitte stehenden Verkaufstresen hingen in Kopfhöhe einige Dutzend Ketten an einem großen, viereckigen Brett. Jede Kette hing an einem Nagel. Das Brett hatte bestimmt einmal einem Fakir gehört, dachte sich Daniel. Unterhalb der Ketten lagen auf einem niedrigen Tisch in einem mit Samt ausgeschlagenen Setzkasten Silberringe aus.

    Neben diesen Kunstgegenständen gab es auch praktische Dinge in diesem Geschäft zu kaufen. Zum Beispiel Fliegennetze, die man sich über den Kopf zog, damit diese Plagegeister einem nicht in die Nase und in die Ohren krochen. Daniel konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als er auf der Verpackung einen Mann mit so einem Netz um den Kopf abgebildet sah. Darüber hinaus gab es weitere nützliche Dinge wie Sonnencreme, Mückenspray, Heringe und Nylonschnüre fürs Zelt, Sturmfeuerzeuge, Taschenlampen und Schnürsenkel. Alles was fehlte, war ein Mensch, der das alles verkaufte, Daniel hatte bisher niemanden gesehen, obwohl er sich nun bereits einige Minuten in dem Laden befand. Er erschrak heftig, als plötzlich hinter ihm die Ladentür geöffnet wurde. Eine zierliche schwarze Frau kam herein und lächelte ihn an, als sie ihn bemerkte.
»Hallo, kann ich dir helfen?«
Daniel kam es so vor, als ob eine warme Hand sich auf seinen Brustkorb gelegt hätte. Es mussten die liebevollen Augen der Frau gewesen sein, die sein Innerstes berührten. Keine Spur von Misstrauen, obwohl Daniel genügend Zeit gehabt hätte, sich die Taschen zu füllen.
»Ja, aber eigentlich wollte ich nur fragen, wo die Todd Street ist, dann habe ich mich ein wenig umgesehen…. es war ja niemand da.« stammelte Daniel etwas unsicher.«
»Kein Problem, hier bin ich und die Todd Street ist gleich hier um die Ecke. Backpackers oder Stuart Hotel?«
»Backpackers.«
Von hier aus gehst du nach links. Bei der nächsten Möglichkeit biegst du rechts in eine Fußgängerzone ein. Das Backpackers befindet so ziemlich am Ende der Fußgängerzone und ist schon aus einiger Entfernung zu sehen.«
»Danke.« Daniel war schon beinahe an der Tür, als er sich noch mal umdrehte.
»Wer stellt die ganzen Dinge her, die du hier verkaufst?«
Die Frau lächelte, es schien sie zu freuen, dass ein Fremder sich nicht nur für die Ware, sondern auch für deren Herkunft interessierte.
»Also, die Didgeridoos werden von meinen Stammesbrüdern draußen im Busch geschnitzt, die Bumerangs auch. Die Holzschüsseln und Vasen macht der Kulturkreis der in der Stadt wohnenden Schwestern, die Bilder malt Yourie und den Schmuck mache ich. Den Rest bekomme ich aus Sydney geliefert, die Hüte, die Fliegennetze und das andere Zeug.«
»Wer ist Yourie?« wollte Daniel wissen.
»Oh, Yourie ist auch von meinem Stamm, er ist ein angesehener Künstler bei meinem Volk und auch bei den Weißen. Er wohnt etwas außerhalb der Stadt in einer Hütte. Früher lebte er im Busch. In den letzten Jahren sind seine Ausflüge dorthin seltener geworden, Yourie ist sehr alt, musst du wissen. Sehr alt und sehr weise. Alle haben große Ehrfurcht vor ihm. Du musst ihn mal besuchen, man kann eine Menge von ihm lernen.« Ihre Augen strahlten, als sie ihm von Yourie erzählte.
Es war die erste Begegnung Daniels mit einer Ureinwohnerin Australiens, er musste zugeben, sich die Menschen etwas wilder und rebellischer vorgestellt zu haben. Diese Frau jedenfalls schien mit allem um sie herum in Harmonie zu leben. Besonders die fröhlichen Augen der Unbekannten beeindruckten ihn. Sie hatte eine so dunkle Hautfarbe, wie man sie sonst nur in Afrika vermutet. Das Gesicht war rundlich, die Zähne blitzten, wenn sie redete, ihre Lippen waren schmal und dunkelrot. Daniel war mit seinen 1,86 Metern Körpergröße kein ausgesprochener Riese, neben dieser zierlichen Frau ragte er jedoch hünenhaft empor.
»Wie ist dein Name?« wollte sie wissen.
»Daniel, ich bin Daniel. Nett dich kennen zu lernen…..«
»Kyeema, ich heiße Kyeema.«
»Was bedeutet der Name?«
»Ich kann es dir gerne erzählen, aber um ihn zu verstehen, müsstest du ein wenig über unseren Glauben und die Traumzeit wissen. Wenn du später Zeit und Lust hast, erzähl ich dir etwas darüber.«
Seine Mission war eine andere, aber wenn das alles ausgestanden sein würde, würde er sich die Zeit nehmen, um möglichst viel über die Ureinwohner, deren Rituale, Künste und Tänze zu erfahren.
»Sehr gerne, ich werde wiederkommen. Später.«
Kyeema winkte ihm zu, als er zur Tür hinausging.
Keine Frage, hier lebten nette Menschen. Nicht mal eine Stunde war er hier und hatte schon zwei Verabredungen.

Kapitel 3

    Wer ist er, dieser Barney Tyler? Und was ist er? Derjenige, der diese Fragen stellte, sollte Antworten erhalten. Barney Tyler war nicht nur ein Deckname, ein Muster ohne Inhalt. Barney Tyler lebte, atmete und hatte eine Vergangenheit. Eine kriminelle Vergangenheit. Für den Polizist, der hinter dem Namen steckte, war Barney mehr als nur sein Alter Ego. Seit zwanzig Jahren führte er schon dieses Doppelleben, hatte unzählige kleinere und einige größere Fälle gelöst, weil die gesamte Unterwelt in ihm nur den Kriminellen sah und er über jede Verdächtigung, ein Spitzel zu sein, erhaben war. Und diesen Umstand würde er nutzen, um das größte Syndikat des Landes mit einem Schlag zu vernichten. Danach würde er Barney Tyler feierlich zu Grabe tragen.

    Barney besaß Pässe, Kreditkarten, selbstverständlich hatte er eine Sozialversicherungsnummer und eine Polizeiakte, die bei Gott nicht jungfräulich war. Schon dreimal hatte Barney Haftstrafen verbüßt, diese war seine Vierte. Immer waren es nur harmlose Kneipenschlägereien oder der unerlaubte Besitz von Handfeuerwaffen gewesen, die ihn hinter schwedische Gardinen befördert hatten. Und mit jedem Delikt wurde ein Wiederholungstäter wie er härter bestraft. Vor allem, wenn für die wirklich große Anklage die Beweise fehlen. In informierten Kreisen organisierter Krimineller genoss Barney größten Respekt, denn er galt als der Sicherheitschef eines Rings, der illegales Glückspiel betrieb. Ihm oblag die Auswahl der Spielorte, weiterhin war er für den sicheren Ablauf der Spielabende sowie die Beförderung der Spieler zum Spielort verantwortlich. Sein Team bestand aus 24 Männern, von denen jeweils vier an einem Spielort eingesetzt wurden. Sie durchsuchten die Spieler, die vorwiegend den Kreisen vorbestrafter Krimineller oder dubioser Geschäftsleute entstammten, vor dem Spiel nach Waffen, um im Falle einer Streitigkeit eine Eskalation der Gewalt zu verhindern. Bei Meinungsverschiedenheiten waren sie angehalten, möglichst gewaltfrei zu schlichten und nur im Ausnahmefall handgreiflich zu werden. Ein zentraler Mitarbeiter hörte den Polizeifunk ab und vor jedem Spielort stand eine Wache, die Alarm schlug, wenn die Polizei im Anmarsch war.
Barneys Plan war, mit den Hintermännern Bogdans ins Geschäft zu kommen, wenn die erfuhren, wer da auf der Pritsche neben ihrem Sorgenkind schlief.
Aber warum gerade Barney Tyler? Die Suche nach einer geeigneten Identität für einen Polizeispitzel war auch für die Bundespolizei kein Kinderspiel gewesen. Es hatte seinerzeit einige Wochen intensiven Aktenwälzens und ein wenig Ermittlungsarbeit bedurft, um die geeignete Person zu finden.

    Der echte Barney Tyler wuchs vor vielen Jahren in der kleinen Ortschaft Winton in Queensland auf. Der Ort war nichts weiter als eine staubige Siedlung am Rande des Outbacks. Dort ist er auch zur Schule gegangen. Nach Beendigung der zehnten Klasse zog er aus, um seinen Lebensunterhalt als Wanderarbeiter zu bestreiten. Den Eintragungen in seiner Sozialversicherungskartei zufolge hat er dann auch drei Jahre an verschiedenen Orten als Erntehelfer, Maurer, Viehtreiber und Tellerwäscher gearbeitet. Danach erfolgte kein Eintrag mehr. Die Mutter, die ihn daraufhin als vermisst gemeldet hatte, verstarb ein paar Monate später, Geschwister und einen Vater hatte Barney nicht. Barney selbst blieb verschwunden. Man durchforstete sämtliche Dateien und Karteien, in denen ein Mensch auftauchen konnte und kam zu dem Ergebnis, dass Barney Tyler mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr lebte. Die Bundespolizei schickte einen Zivilfahnder, der die Menschen von Winton nach Barney befragte. Nur wenige erinnerten sich an den unscheinbaren jungen Mann, selbst seine Mitschüler von damals hatten nur ein sehr vages Bild von ihm.
Man hatte Barney aber nicht nur wegen seiner Geschichte ausgewählt, ein weiterer Grund war sein Aussehen. Drei Fotos enthielt die Vermisstenkartei. Die Kollegen hatten nicht schlecht gestaunt, zu deutlich war die Ähnlichkeit mit einem jungen Kameraden gewesen, der erst seit Kurzem bei der Bundespolizei seinen Dienst tat. Ein Foto des Kollegen wurde den Menschen in Winton gezeigt. Diejenigen, die Barney gekannt hatten, schworen, dass er der Mann auf dem Foto war. Der Zivilfahnder deutete an, dass Barney wegen eines Dro-gendeliktes von der Polizei gesucht wurde. In der Ausgabe vom folgenden Tage berichtete die Lokalzeitung über den Mann aus dem kleinen Winton, der, den Versuchungen der Großstadt erlegen, auf die schiefe Bahn geraten war. Der junge Bundespolizist wurde zu Barney Tyler, in seiner Personalakte hieß es, er hätte den Dienst quittiert und sei nach Irland, dem Land seiner Vorfahren, ausgewandert. Seine Mission unterlag strengster Geheimhaltung und nur die höchsten Kader der Bundespolizei wussten von seinem Doppelleben. Auch wenn er sich mit seiner Rolle nicht identifizierte, für die Menschen in seinem unmittelbaren Umfeld war er Barney, der Kriminelle. Stark, unbesiegbar und loyal. Einer wie er genoss in Gangsterkreisen den allerhöchsten Respekt.

    Menschen wie Barney standen nicht im Telefonbuch, sein Wohnort war der Polizei allerdings sehr wohl bekannt. Ihr waren allerdings die Hände gebunden, da aus einem nicht nachvollziehbaren Grund die Bundespolizei für ihn zuständig war. Mit Kopfschütteln nahmen sie zur Kenntnis, dass die Herren von der Bundespolizei Barney immer wieder wegen kleiner Delikte zur Rechenschaft zogen, ihn wegen seiner Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung hingegen niemals zu fassen kriegten.
Seine Wohnung war jederzeit auf einen Besuch vorbereitet. Nicht, dass Barney häufig Gäste erwartete. Er war ein Einzelgänger, geschäftliche Dinge klärte er in Spelunken, die ein Hinterzimmer besaßen, oder in prachtvollen Häusern, wo Männer, egal ob reich, arm, jung, alt, gut oder böse am Pokertisch um große Scheine spielten.
Barney war lange genug Polizist, um zu wissen, dass der Tag kommen würde, an welchem die eine oder andere Seite des Gesetzes in sein Heim eindringen würde, um mehr über ihn zu erfahren. Es war nicht einfach gewesen, alles so unauffällig wie möglich anzuordnen, damit niemand misstrauisch würde. Sie würden schon ein wenig suchen müssen, um die Mosaiksteinchen seines Lebens zu finden. So hingen die Zeitungsartikel, die über seine Schandtaten berichteten, nicht an der Wand, sondern lagen in einem Schuhkarton im Abstell-raum. Die Urkunden über bestandene Lehrgänge verschiedener Kampfsportschulen bewahrte er ordentlich in einer Dokumentenmappe auf, in denen der interessierte Eindringling auch eine Geburtsurkunde, die Eigentümerpapiere für seinen Toyota Land Cruiser und den Kaufvertrag für die Wohnung finden sollte. Alle Papiere waren selbstverständlich auf Herrn Barney Gerald Tyler ausgestellt, geboren am 4. Februar 1961. Nicht ohne ein wenig Stolz hatte er festgestellt, dass man ihm die 43 Jahre überall abkaufte, obwohl er bereits 49 war.
Die Einrichtung hatte er so gewählt, dass sie in etwa seinem Status entsprach. Ledergarnitur, Nussholzschränke, Designer-teppiche und Bilddrucke moderner Künstler. Prunkstück des Wohnzimmers war ein großer Flachbildfernseher. Im Schlafzimmer befanden sich ein Wasserbett und ein begehbarer Kleiderschrank mit Glasschiebetüren. Das Arbeitszimmer war mit der gängigen Hardware für eine problemlose Bürokommunikation ausgestattet. Andere seiner Zunft pflegten da schon einen ganz anderen Lebensstil, aber Barney glaubte, ein unauffälliges Heim würde man einem wie ihm eher abnehmen, als ein zu protziges Ambiente. Am Ende kam es nur auf eines an – die Kunstfigur Barney Tyler als einen glaubwürdigen Kriminellen zu präsentieren. Beiden Seiten des Gesetzes.

Kapitel 4

    Im Flur stank es ein wenig. Daniel hatte keine Ahnung wonach, bis sich am Ende des Flures rechts eine Türe öffnete und ein deutscher Schäferhund auf ihn zusprang. Kurz bevor der Hund ihn erreichte, um ihn – da war sich Daniel sicher – anzugreifen, hörte er eine Stimme:
»Sitz, Hans.«
Der Hund tat, wie ihm befohlen.
»Hallo, Kumpel.« Die Stimme kam aus dem Zimmer hinter der Tür. »Willkommen im Roll`in Backpackers. Komm ruhig näher, Hans tut dir nichts.«
»Wieso in Gottes Namen Hans?« war das Erste, was Daniel von dem Mann wissen wollte, als er das Zimmer, welches offensichtlich das Büro des Managers war, betreten hatte.
»Ist doch einfach, Junge, deutscher Hund, deutscher Name. Und wie heißt du, auch Hans?« Der Mann lachte laut über seinen eigenen Witz.
»Nein, nicht Hans. Daniel Nolten. Tatsächlich komme ich wie dein Hund aus Deutschland. Aber ich will nicht in einem Körbchen oder Zwinger schlafen, ich suche ein Zimmer. Ein Zimmer für mich allein. Geht das?«
»Na klar, wir haben noch einige Zimmer frei, auch für jemanden, der allein schlafen möchte. Bezahlt wird im Voraus, Handtücher sind im Zimmer, eine Dusche gibt es in jedem Gang …….«
Daniel versuchte, der monotonen Aufzählung zu folgen.
»……hinter dem Haus ist ein kleiner Pool, wenn du ein Auto mieten willst, frag mich und wenn du frühstücken willst, ich besorg dir auch das, natürlich gegen Cash. Im hinteren Teil des Gebäudes ist ein Gemeinschaftsraum mit Fernseher, dort steht auch ein Münztelefon. Und hier ist der Schlüssel, Zimmer neununddreißig. Einschreiben kannst du dich später.« Er reichte Daniel den Schlüssel. »Ach ja, Wecken ist um fünf.« Wieder wieherte er laut, als Daniel ihn ungläubig anblickte. Im nächsten Augenblick verschwand sein Lachen und sein Blick erstarrte.
»Nolten, der Name der Kleinen war auch Nolten, bist du mit ihr verwandt, du bist ihr Bruder, stimmt’s?«
»So ist es, und ich bin hier, um nach ihr zu suchen. Doch zuerst möchte ich wissen, wo ich die Freundinnen meiner Schwester finde. Kannst du mir die Zimmernummern sagen?«
»Einen Moment, bitte.« Er schlug ein Ringbuch auf und suchte nach den Namen der jungen Frauen.
»Zwanzig und einundzwanzig.«
»Wie komme ich dahin?«
»Die Tür hinaus und dann rechts, durch die Eisentür, die Holztreppe hinauf, dann wieder rechts, dort sind die Nummern zwanzig bis fünfundzwanzig. Alles klar?«
»Ja, danke. Bist du heute Abend so gegen sechs hier?«
»Ich bin immer hier, selbst wenn die Chinesen das Land überfallen und alle anderen kämpfen, ich bin hier. Siehst du?« Er deutete auf ein Bett in der Ecke des Raumes, »Ich schlafe sogar hier. Was gibt es denn?«
»Ich habe nur ein paar Fragen.«
Daniel winkte dem Mann kurz und ging. Wenn der wirklich so dämlich war, wie er sich gab, würde er ihm keine Hilfe sein, dachte er beim Herausgehen.

    Nur kurz schaute Daniel bei Karen und Celine vorbei. Er kannte die beiden nur flüchtig als Bekannte seiner Schwester und hatte vielleicht zweimal etwas mit ihnen zusammen getrunken. Verwundert über sein frühes Erscheinen brachten die beiden kaum ein Wort heraus. Daniel war es recht, er hatte seit seiner Ankunft schon genug geredet und sehnte sich nach ein wenig Ruhe. Vorher würde er noch Jenny begrüßen.
Daniel ging aus dem Zimmer hinaus auf den Gang. Sein Blick suchte das Zimmer mit der Nummer einundzwanzig, welches er rechts nebenan vermutete. Aber es lag genau gegenüber. Die Tür war nur angelehnt, er wollte gerade anklopfen, als eine freundliche Stimme im Inneren des Zimmers rief:
»Komm rein, es ist offen.«
Daniel drückte die Tür nach innen und betrat den kleinen Raum. Wie in Backpackerbehausungen üblich, war auch dieses Zimmer sehr einfach eingerichtet. Auf der rechten Seite standen nebeneinander zwei schmale Schlafliegen, in der Ecke dahinter befand sich ein alter Holzschrank. Links neben der Tür hing in einer Nische ein nicht besonders sauberes Waschbecken an der nackten Wand, von der hohen Decke hing trostlos eine Glühbirne. Die Ecke hinten links zierte ein kleiner Tisch, vor dessen offenen Seiten zwei antike Holzstühle mit verschnörkelten Beinen und verstaubten Polstersitzen standen. Eine Reihe bodentiefer Fenster nahm dem Raum zwischen Sitzecke und Kleiderschrank ein, eine Tür in der Mitte führte auf einen kleinen Balkon. Altes, morsches Parkett lag auf dem Boden, die Dielen knarrten bei jedem Schritt, den Daniel machte.
Jenny, die am Fenster gestanden hatte, kam auf Daniel zu und umarmte ihn herzlich. Das war nichts Ungewöhnliches, Jenny war schon als Kind Bibis beste Freundin gewesen und kannte Daniel daher sehr gut. Sie hatte in derselben Straße gewohnt wie das Geschwisterpaar und hatte vor einem Jahr zusammen mit Bibi mit dem Studium begonnen. Drei oder vier Jahre waren Bibi und Jenny gewesen, als sie Freundinnen wurden und Daniel, der zu dieser Zeit im Teenageralter war, hatte sie zusammen aufwachsen sehen. Wenn er später, während seiner Studienzeit, zu Besuch nach Hause kam, war sie auch fast immer da gewesen. Bibi und Jenny waren unzertrennliche Freundinnen, die sich so gut wie nie stritten und glaubten, jedes noch so streng gehütete Geheimnis der Anderen zu kennen. Bis zu Bibis Verschwinden.
Daniel genoss die Nähe, auch wenn er in der etwas zu festen Umarmung Jennys mehr als nur einen Hauch von Verzweiflung vermutete.
»Hallo, Kleines, ich bin etwas früh. Aber du hast mich sicher schon kommen hören.«
»Natürlich, man bekommt alles mit, so hellhörig ist es hier.«
Daniel blickte auf die nebeneinander angeordneten Schlafliegen und entdeckte links davon Bibis Rucksack und einige auf dem Boden liegende Gegenstände. Er spürte, wie eine imaginäre Faust sich in seinen Magen keilte und rang nach Luft. Bei der Betrachtung der T-Shirts, Shorts, Socken und Schminkutensilien wurde ihm bewusst, welch´ quälende Ungewissheit und Leere sie hinterlassen hatte. Ein halbes Leben lang hatte er die Freundinnen fast nur zu zweit gesehen. Wo immer die Eine sich auch aufgehalten hatte, war die Andere nie fern gewesen. Für Daniel war die Situation skurril und bedrückend.
»Du hättest uns ja anrufen können. Das hätte dir die Taxifahrt erspart. Oder bist du etwa den ganzen Weg gelaufen?«
»Nur ein kleines Stück bin ich gelaufen. Aber das war gar nicht schlimm, auf dem Weg habe ich einen alten Mann kennen gelernt, der uns bei der Suche nach Bibi behilflich sein könnte.«
Diese Aussage überraschte Jenny. Sie erzählte Daniel, niemand in dieser Stadt habe bisher den Eindruck gemacht, als wolle er ernsthaft nach seiner Schwester suchen. Müde setzte sie sich auf ihre Liege und streckte die Beine aus. Jene schlanken, langen Beine, die den Jungs auf dem Campus den Verstand raubten und umso mehr rauben würden, wenn sie tief gebräunt aus Australien auf den Campus zurückgekehrt sein würden. Daniel hatte keinen Blick für die Schönheit der jungen Frau, die, obwohl sie ein weites T-Shirt und eine abge-schnittene Jeans trug, immer noch weiblicher aussah, als so manche Dame in Abendgarderobe. Daniel berichtete ihr von seinem Gespräch mit Sam und seiner Hoffnung, da einen sowohl bereitwilligen, als auch mit vielen Talenten und Kontakten gesegneten Helfer in der Not gefunden zu haben. Jenny winkte ab.
»Solange hier jeder an die Adonis-Theorie glaubt, wird die Sache nicht wirklich voran gehen.« Jennys Mund formte ein Lächeln bei diesen Worten.
»Adonis-Theorie?«
»Du weißt schon, der göttergleiche, muskulöse Schönling, der ihr das ganz große Abenteuer versprach und dem sie sodann willenlos folgte.«
»Absurde Vorstellung.« meinte Daniel ohne Heiterkeit. »Aber sie alle glauben daran. Auch Sam hat es angedeutet.«
»Es ist absoluter Blödsinn. Aber leider können wir ihnen etwas Besseres auch nicht anbieten.«
Die letzten Worte sprach Jenny sehr leise und ihre Mine verdüsterte sich dabei. Sie ließ den Kopf hängen, Daniel setzte sich neben sie und streichelte ihr sanft über das Haar. Sie hob den Kopf, Daniel sah, dass sie weinte.
»Was ist los?« fragte Daniel besorgt.
»Wir haben alles versucht, mit hunderten Menschen gesprochen, aber wir wissen nicht mehr, als am Morgen nach ihrem Verschwinden. Stundenlang sind wir alles noch einmal durchgegangen, wir haben versucht, uns an alles zu erinnern, was Bibi in den Tagen zuvor gesagt oder getan hatte. Nichts, absolut nichts ist dabei herausgekommen.« Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
Noch am Morgen hatte Jenny, so wie an den 13 Tagen zuvor, zusammen mit Karen und Celine die halbe Meile Fußmarsch zur Polizeistation auf sich genommen, um sich zu erkundigen, ob es eine neue Spur in dem Fall ihrer verschwundenen Freundin gäbe. Wie auch an den Tagen zuvor lautete die Antwort Nein, wobei sie immer mehr den Eindruck gewannen, dass man überhaupt nicht mehr nach Bibi suchte.
»Lass uns später zusammen reden.« schlug Daniel vor. »Irgendwann wird sich schon eine Spur finden.«
»Auf jeden Fall können wir deinen Optimismus gebrauchen, um genau zu sein, wir brauchen ihn dringend.«
Jenny sah ihn mit traurigen Augen an.
»Bitte weck mich um fünf. Ich möchte noch heute mit dem Sammeln von Informationen beginnen. Kann ich mich darauf verlassen?«
»Ja, wenn du das willst, aber du wirst nach…..« sie schaute auf ihre Armbanduhr »…… vier Stunden Schlaf wahrscheinlich noch müder sein als jetzt. Wenn du überhaupt schlafen kannst. Nach meiner Ankunft hatte ich meinen Schlafrhythmus völlig verloren, ich war ständig müde, aber wenn ich schlafen wollte, konnte ich nicht. In der vierten Nacht habe ich dann vierzehn Stunden geschlafen, danach war alles überstanden. Fünf Uhr?«
»Fünf Uhr.« Sagte Daniel bestimmt und stand auf.
»O.K. Du hast es so gewollt.« Jenny lächelte gequält.

    Der große Mann mit dem Bart sah böse aus. Keiner hatte ihn kommen sehen, er ging auf das Motorrad zu. Er hob die Harley-Davidson hoch, stemmte sie über seinen Kopf und brüllte:
»Ihr macht mich reich, so unendlich reich.«
Mit einen Urschrei schleuderte er das Motorrad über die Leitplanke. Noch bevor es auf ein Stück Rasen herunterfiel, öffnete sich der Boden und es verschwand im Erdinneren. Daniel hörte das Knirschen nachgebenden Metalls, wie bei einer Schrottpresse. Der Bärtige war verschwunden. Nur noch seine Stimme war wie ein leiser werdendes Echo zu vernehmen.
»Ihr macht mich reich, oh ja, immer reicher.« Dann war es still.
Sein Blick fiel nun auf Achim, der auf seiner Bahre lag und die Hände Richtung Himmel streckte. Patricia, die sein Gesicht streichelte, schien er nicht zu bemerken, zu gebannt schaute er seinen ausgestreckten Armen hinterher. Mehrere Sekunden waren vergangen, als ein Aufprall die Autobahn erschütterte. Daniel fiel zu Boden. Als er den Kopf hob, sah er vor sich das Ende eines riesigen Schattens. Der Spender würde dicht hinter ihm sein, denn auch neben ihm war alles dunkel. Er drehte sich blitzschnell um. Im Gegenlicht der Scheinwerfer mehrerer Polizeiwagen konnte er die nur Umrisse des bärtigen Riesen erkennen, der sich jetzt langsam zu ihm herunterbeugte. Eine Hand packte ihn und hob ihn hoch, bis er keinen Boden unter den Füßen mehr spürte.
»Und jetzt zu dir. Du bist schuld. Du bist schuld an seinem Tod. Dafür wirst du bezahlen.« Der Bärtige schüttelte ihn, Daniel versuchte sich zu befreien, doch der Mann packte noch fester zu und schüttelte ihn noch wilder. Daniel begann zu schreien. Er erhoffte sich nicht viel davon, bis er plötzlich eine sanfte Stimme neben seinem Ohr vernahm:

    »Du träumst, Großer, wach auf, es war nur ein Traum.« Daniel öffnete die Augen und sah Jenny, die ihn noch immer sanft schüttelte. Dieser Augenblick völliger Verwirrung reichte aus, um Jenny zum Lachen zu bringen.
Verstört blickte Daniel Jenny an, sah das kleine Mädchen, das gestern noch im Garten seines Elternhauses mit Bibi herumgetollt war. Das kleine Mädchen, das ihm in der Zeit, als er noch bei den Eltern wohnte, zu jedem Geburtstag ein Präsent und eine Rose geschenkt und mit großen Augen seiner Reaktion entgegengefiebert hatte. Für Daniel war Jenny wie eine weitere kleine Schwester, doch die war, genau wie Bibi, inzwischen erwachsen geworden. Die Männerwelt stand Schlange, um ihre Gunst zu gewinnen. Es war die Makellosigkeit ihrer gesamten Erscheinung, die sie so begehrenswert machte. Jenny hatte die dezenten Körperformen eines Topmodels. Ihre Augen waren hellblau und sie strahlten eine Art von Warmherzigkeit aus, wie man sie nur selten findet. Ihr nicht zu stark gebräuntes ovales Gesicht mit den hoch stehenden Wangenknochen und dem leichten Schmollmund ähnelte auf spektakuläre Weise dem einer Leinwandgröße aus Hollywood. Neben der äußerlichen Attraktivität besaß sie durchaus einige Charaktereigenschaften, die ihr obendrein auch zu innerer Schönheit verhalfen.
Doch Kummer und Anspannung der letzten Tage hatten deutliche Spuren auf ihrem sonst so makellosen Antlitz hinterlassen. Ihr ansonsten so jugendlich frisch wirkendes Gesicht sah müde und nervös aus, unter ihren Augen waren leichte Ränder zu sehen. Ihr Blick war ernst, auch wenn sie lächelte. Hatte Jenny zuvor ihr mittelblondes Haar noch offen getragen, so war es nun streng zurückgekämmt und zu einem Zopf gebunden.
»Wie spät ist es?« Daniel wollte einer Frage nach dem Inhalt seines Traumes zuvorkommen.
»Fünf Uhr, ich hoffe, der Schlaf hat dir dennoch gut getan.«
Daniel setzte sich auf die Bettkante. Sein Nacken schmerzte, er fühlte sich müde und gerädert. Dem Willen seines Körpers, wieder in die horizontale Position zurückzukehren, durfte er in keinem Falle nachgeben.
»Um ehrlich zu sein, es ist so, wie du es mir vorhergesagt hast. Jetzt fühle ich mich richtig müde.«
Behäbig erhob er sich und streckte sein steifes Rückgrat.
»Zuerst befrage ich den Spaßvogel da unten, danach erzählt ihr mir die ganze Geschichte vom Anfang der Reise bis zu Bibis Verschwinden. Morgen früh rede ich noch einmal mit McNonan.«
Jenny nickte zustimmend.
»Na dann werde ich mal nach unten gehen.« Daniel hatte es plötzlich eilig, »zu ……Wie war sein Name noch gleich?«
»Hank.«
»Also Hank. Der Name passt zu ihm, wenn du mich fragst. So wie es aussieht, verrät er ihn nur hübschen jungen Frauen. Mir hat er ihn nicht gesagt, stattdessen hat er blöde Witze gemacht.«
»Er hat ihn von sich aus verraten. Glaube nicht, irgendeine von uns hätte sich dafür interessiert.« stellte Jenny die Dinge richtig.

    Von Hank erfuhr Daniel nicht viel, aber er erzählte ihm mehr, als er McNonan und den Mädels verraten hatte. Die vier Freundinnen hatten am 31. August eingecheckt, fünf Tage später verschwand Bibi. Hank hatte nicht gesehen, wie Bibi an besagtem Tag das Hotel verließ, vermutlich lag er auf seiner Pritsche und schlief. Als um sechs Uhr sein Wecker klingelte, war es still im Haus gewesen, die nächste Person, die an seinem Büro vorbeilief, war ein junger Mann aus den Niederlanden. Das war so gegen sieben Uhr. Hank konnte das mit Sicherheit sagen, durch ein Fenster in seinem Büro hatte er ständig das unterste Podest des Treppenhauses im Auge, welches sich aus der Sicht einer das Haus betretenden Person hinter der Eisentür befand. Er konnte jedes Geräusch im Hotel genau bestimmen, wenn jemand auf dem Weg nach unten war, hörte er es bereits lange bevor derjenige den untersten Treppenabsatz erreicht hatte. Und Hank schaute immer durch das Fenster, sobald jemand daran vorbeiging, er hatte seine Gründe dafür. Ein Grund war seine Neugier, ein anderer sein berechtigtes Misstrauen. Viel zu oft hatten einzelne Backpacker ein kleines Zimmer angemietet und am Ende hatte eine ganze Horde dort übernachtet, ohne einen Aufpreis zu zahlen. Irgendwie hatten sie es geschafft, an ihm vorbeizukommen, während er schlief oder mit anderen Gästen beschäftigt war. Nein, an seiner Beobachtungsgabe war nicht zu zweifeln, glaubte Daniel fest.
Um halb acht war Jenny nach unten gekommen, um zu fragen, ob er Bibi gesehen habe und ob sie ihm vielleicht gesagt habe, wo sie hingegangen wäre. Mehr konnte er zu dem Tag des Verschwindens nicht sagen, aber Hank meinte, es würde Daniel vielleicht interessieren, dass er zwei Tage zuvor beobachtet hatte, wie Bibi morgens um kurz vor sechs auf dem Weg nach draußen an seinem Büro vorbeiging. Merklich erschrocken hatte Bibi seinen Gruß erwidert und war schnell weitergegangen. Ziemlich genau zwei Stunden später war sie zurückgekommen und er hatte den Eindruck gehabt, sie sei besonders leise an dem Fenster vorbeigegangen, als ob sie nicht bemerkt werden wollte.
Auf Daniels Frage, ob er McNonan diese Beobachtung auch mitgeteilt habe, antwortete Hank, er sei nur nach den Geschehnissen des Morgens, an dem Bibi verschwand, befragt worden. Hank schien McNonan nicht sonderlich zu mögen. Ihn wunderte zudem, dass Daniel den Polizisten zu kennen schien.
Sag bloß, du hast den Halbaffen schon vor mir befragt?«
»Ja, aber nur telefonisch von zu Hause aus.«
»Dann kennst du ja wenigstens schon einen Teil von ihm. Er redet wie ein Halbaffe, aber er sieht auch so aus. Sein ganzer Körper ist behaart, seine Hände sind so groß wie Schaufeln und Schuhe muss er sich aus Sydney liefern lassen, da es hier keine in der Größe 51 gibt. Wenn er dir nachts begegnet, läufst du weg, wenn du ihn nicht kennst. Der Schatten, den er auf die Straße wirft, sieht tatsächlich aus, wie der von einem Affen. McNonan geht sehr stark nach vorne gebeugt, die Arme wackeln dabei unruhig vor seinem Körper. Ich weiß nicht, von wem oder was ich abstamme, bei ihm brauchst du die Frage ganz sicher nicht zu stellen.«
Daniel fragte noch nach einer Hintertür, worauf Hank ihm verriet, es gäbe zwar eine, die jedoch immer verschlossen sei. Und nur er habe einen Schlüssel. Nach einer Viertelstunde bedankte sich Daniel und ging. Hank hatte ihm ein interessantes Detail verraten und sich – zu allem Überfluss – seine dämlichen Scherze verkniffen.

    Die Glühbirne warf ein schwaches Licht auf die am Boden verteilten mit Hand beschriebenen Notizzettel. Die Mädels hatten wirklich alles notiert, was ihnen eingefallen war. Daniel staunte nicht schlecht. Er staunte noch mehr, als er die riesige Pizza auf dem Ecktisch seines kleinen Zimmers entdeckte. Sie hatten dieses Zimmer als Tagungsort bestimmt, weil nur eine Liege darin stand und mehr Platz auf dem Boden vorhanden war, als in den anderen Räumen.
»Nimm dir ein Stück und setz dich zu uns.« Celine deutete auf die Pizza.
»Gerne, bis gerade habe ich gar nicht bemerkt, wie hungrig ich bin, aber jetzt weiß ich es.« sagte Daniel und nahm sich ein großes Stück.
Jenny ergriff das Wort.
»Gehen wir zurück zum Anfang. Nach Sydney.«

    So ausführlich und lebendig der Reisebericht auch war, so enttäuschend war für Daniel das Ergebnis. Am 21. Januar des Jahres hatte das Australienabenteuer der Freundinnen in Sydney begonnen. Mit leuchtenden Augen erzählten sie von der Harbour Bridge, der Oper, dem olympischen Dorf, dem Sydney Tower und den Einwohnern, die so freundlich und nett zu ihnen gewesen waren. Voller lebendiger Erinnerungen waren die Erzählungen von der multikulturellen Gesellschaft Sydneys, den Backpacker Hotels, in denen sie gewohnt hatten, den Gauklern, Straßenkünstlern und anderen Reisenden. Eine der zahllosen Reisebekanntschaften war Danny gewesen.
Danny war ein Weltenbummler, er stammte aus Sheffield in England. Seit Jahren reiste er mit dem Rucksack um die Welt, ein Aussteiger, der ohne finanzielle Rücklagen den Schritt ins Abenteuer gewagt hatte. Danny nahm jeden Job an, den er kriegen konnte, wenn das Geld knapp wurde. Seinen Erzählungen zufolge hatte er zu der Zeit in Sydney als Kellner gearbeitet, zuvor war er auf einigen Weingütern in der Nähe von Cairns als Erntehelfer angestellt gewesen. Er prahlte ständig mit seinen Erfahrungen als Tauchlehrer auf Koh Samui und Touristenführer auf Bali und ließ auch sonst keine Chance aus, sich in den Vordergrund zu stellen. Offenbar kam seine Masche bei den jungen Frauen gut an. Der von ihm geschaffene und sorgsam gepflegte Eigenkult eines unabhängigen Rucksackreisenden, für den das Abenteuer erst richtig anfängt, wenn die Lage schwierig wurde, zog täglich neue Opfer in seinen Bann. Auch Bibi war dem Charme des Briten erlegen und hatte eine kurze Affäre mit ihm gehabt. Jenny sah allerdings keinen Zusammenhang mit ihrem Verschwinden, da Danny nur ein paar Tage später mit dem Schiff nach Neuseeland übersetzen wollte. Bibi hatte ihn schon eine Woche später wieder vergessen.

    Celine berichtete Daniel von der Zeit an der Ostküste. Zunächst waren sie mit dem Jeep, den sie in Sydney gekauft hatten, die Küste hoch bis nach Brisbane gefahren, dann weiter nach Norden bis zum Great Barrier Reef. Voller Begeisterung berichtete sie von den Whitsunday Inseln, die unbestritten schönste Inselgruppe auf diesem Planeten. Der nächste längere Aufenthalt war Cairns gewesen. Dort schlossen sich Bibi und Jenny einer Gruppe Taucher an. Mit gemieteter Ausrüstung erforschte die Gruppe drei Tage lang die faszinierende Unterwasserwelt am Great Barrier Reef. So etwas wie eine freundschaftliche Beziehung zwischen ihnen und den anderen Tauchern habe es aber nicht gegeben, meinte Jenny dazu. Im Gegenteil, einer von den Jungs war ihnen mit seiner einfältigen Anmache permanent auf die Nerven gegangen, weil er sich offensichtlich für unwiderstehlich hielt.

    Nach einigen Abstechern auf küstennahe Inseln und in umliegende Fischerdörfer hatte die Mädchenriege Cairns verlassen. Auf einer Plantage nahe der Ortschaft Lakeland, 250 km nördlich von Cairns ernteten und verluden sie gemeinsam zwei Monate lang Bananen. Das Einkommen aus harter körperlicher Arbeit konnten sie auch gut gebrauchen, denn die Geldmittel aus der heimatlichen Spardose waren an der Ostküste schneller geschmolzen als erwartet. Häufig gelang es ihnen, in den Backpackerunterkünften ein Vierpersonenzimmer anzumieten, um nachts unter sich bleiben zu können. Die großen Schlafsäle waren zwar günstiger, aber fast überall schmutzig und laut. Gleich zu Anfang hatten sie entschieden, sich dort, wo es möglich war, diesen kleinen Luxus zu gönnen.
Nach Beendigung des Arbeitseinsatzes waren sie zunächst über abenteuerliche Pisten nach Süden und weiter durch einen ausgetrockneten Flusslauf ein gutes Stück ins Landesinnere gefahren. In dem wohl regenreichsten Gebiet Australiens erkundeten sie auf rutschigen Dschungelpfaden die umliegenden Regenwälder und schauten sich die schönsten Wasserfälle des Landes an. Im angrenzenden Outback heuerten sie auf einer Farm an, um Ställe auszumisten. Jenny half dem Farmer sogar beim Zerteilen und Ausnehmen geschlachteter Rinder, wofür sie die Freundinnen mit Missachtung straften.

    Ganz bewusst verzichteten sie auf die Festlegung einer Reiseroute. Die Nase in den Wind halten und los, so lautete ihre Maxime. Immer nur das nächste Ziel vor Augen. Fern der Küste fuhren sie über staubige Pisten weiter nach Süden, bis sie in der Nähe der großen Salzseen Südaustraliens in einem Aboriginal-Gebiet ankamen. Der alte Jeep, bei dem der Allradantrieb nicht mehr tadellos funktionierte, hatte seine Ladung am Ende sicher über kleinere Sanddünen, tiefere Schlaglöcher, kleinere Bäche und ausgetrocknete Flussbette bis an das Etappenziel gebracht.
In Coopers Creek besorgten sie sich eine Genehmigung, um das Territorium der Aborigines betreten zu dürfen. Die drei an diesem Abend versammelten Frauen waren sich darüber einig, dass dies der Höhepunkt ihrer gemeinsamen Reise gewesen war. Unter Anleitung eines Eingeborenen waren sie in das Dorf eines dort ansässigen Stammes gefahren und hatten den Ureinwohnern bei der Verrichtung ihrer täglichen Arbeiten über die Schultern geblickt. Sie erfuhren, was die Eingeborenen essen und wie sie es zubereiten. Man gestattete ihnen sogar, den Männern beim Jagen aus einiger Entfernung zuzusehen und von ihnen zu lernen, wie man aus Baumrinde ein Boot baut. In den zwei Tagen und Nächten fühlten sie sich, als ob eine Zeitmaschine sie in eine längst vergangene Zeit befördert hatte. Es war eine völlig andere Welt. Die Aborigines leben von der Natur und im Einklang mit ihr. Alles Natürliche hat seinen Ursprung in der Traumzeit und wird mit großem Respekt behandelt. Nichts darf verändert werden, da jeder Fels, jeder Fluss und jeder Berg eines ihrer Ahnenwesen verkörpert und diese Orte ihrem Glauben nach heilig sind. Die Aborigines unterscheiden nicht zwischen Mensch und Materie, alles ist lebendig und hat seinen Platz. Ihre große Verbundenheit mit der Erde und den Ahnenwesen drücken sie in ihren Ritualen, Tänzen, Liedern und ihrer Kunst aus. Besonders Bibi und Jenny hatten sich intensiv auf diesen Besuch vorbereitet, schon vor der Reise hatten sie alle möglichen Bücher gelesen, Dokumentationen im Fernsehen angeschaut und sogar im Internet nach Informationen gesucht. Sie begriffen schnell, wie sehr diese Menschen den großen westlichen Kulturen voraus sind, denn sie sind in der Lage, das Land, welches sie nutzen, in einem ökologischen Gleichgewicht zu halten. Respekt vor der Erde, die sie ernährt, war und ist ihr oberstes Gebot, als Belohnung erhalten sie Nahrung aus dieser Erde. Am zweiten Abend durften die Vier bei den Ritualen zusehen. Fremde dürfen nur bestimmten Ritualen beiwohnen, die heiligsten Rituale zelebrieren die Eingeborenen unter sich. Vom Stammesältesten erfuhr Bibi etwas über die Bedeutung der Rituale und Tänze. Zu ihrer Überraschung war sein Englisch ganz passabel. Ihr Hintergrundwissen reichte bei Weitem nicht aus, um alle Zusammenhänge zu verstehen, aber sie klebte an seinem Mund und fragte unbekümmert drauflos, wenn sie etwas nicht verstand. Man gestatte ihnen, abseits des Dorfes in Zelten zu übernachten. Die Besichtigung der Lehmhütten der Einge-borenen wurde Touristen zwar erlaubt, darin zu übernachten, allerdings nicht.
Die anschließenden Erzählungen über den Oodnadatta-Track, der Minenstadt Cooper Pedy und deren Umgebung handelten überwiegend von zwei Dingen – Staub und Hitze. Nach weiteren 750 Kilometern auf dem Stuart Highway waren sie endlich in Alice Springs, der Hauptstadt Zentralaustraliens angekommen. In der Sonne liegen, durch die Einkaufsstraßen bummeln und die verschiedenen Annehmlichkeiten einer Stadt in Ruhe genießen. Nach der langen Wegstrecke war das genau das richtige Programm. Am zehnten September, so war es geplant, wollten sie sich auf den Weg zum bekanntesten Felsen Australiens, dem Ayers Rock, machen. Das mysteriöse Verschwinden ihrer Freundin fünf Tage vor der Abreise durchkreuze diesen Plan.
Schweigend hatte Daniel dem Vortrag gelauscht. Die ganze Zeit auf dem Boden sitzend hatte er zugehört und gehofft, zwischen Jennys und Celines Worten einen Hinweis zu entdecken, einen Hinweis, der ihn zu Bibi führen würde. Doch in seinem Kopf war nur Leere. Daniel atmete tief ein und stieß die Luft mit einem nicht zu überhörenden Seufzen wider hinaus.
»Erzählt mir von ihr. Was hat sie am meisten beeindruckt? Was am wenigsten? War sie irgendwo besonders glücklich? Hat sie an einem der Orte mal für längere Zeit von euch anderen abgesetzt?«
Zum ersten Mal an diesem Abend ergriff Karen das Wort.
»Du kennst sie, sie ist so ein lebenslustiger Mensch, voller Enthusiasmus und Lebensfreude. Und so schnell zu begeistern, ihre Kommentare waren nur positiv bis himmelhoch jauchzend. Sicher, jeder von uns war mal alleine unterwegs. Schließlich hatten wir nicht immer die gleichen Jobs. Aber keine von uns hat während der Arbeit tiefe freundschaftliche Beziehungen geknüpft. Auch Bibi nicht, soweit es uns bekannt ist.«
Karen verstummte und griff sich nervös an die Nase. Sie war immer etwas unsicher, vermutlich, weil die nicht so hübsch war, wie Bibi und Celine, und erst recht nicht so hübsch wie Jenny, der die Kommilitonen auf dem Campus in Scharen zu Füßen lagen. Karen war etwas pummelig, ihre Nase glich einer kleinen, runden Kartoffel, das Gesicht war rund, weiß und voller Sommersprossen, für die sie sich immer ein wenig schämte. Auch ihre langen hellroten Haare mochte sie nicht leiden. Wenn sie zusammen ausgingen und Männer kennen lernten, blieb für sie immer nur der Verklemmte, Hässliche oder Dicke der jeweiligen Männerclique als Gesprächspartner über. Hoffnungslos romantisch veranlagt, verliebte sie sich dabei ständig in Jungs, die für sie kein Auge hatten und nur in ihre Nähe kamen, weil sie Jennys Freundin war.
Nun war der richtige Zeitpunkt erreicht, um die Information des Hotelmanagers an die Freundinnen weiterzugeben.
»Bibi hat zwei Tage vor ihrem Verschwinden morgens kurz vor sechs Uhr heimlich das Haus verlassen und ist erst zwei Stunden später wieder zurückgekommen. Wenn dir…« er schaute Jenny an »….etwas Verdächtiges aufgefallen wäre, hättest du sicher davon erzählt.«
Im nächsten Moment waren drei Augenpaare auf Jenny gerichtet. Die war einen Augenblick sprachlos, dann räusperte sie sich und sagte verunsichert:
»Wartet mal, ich hab` da was im Hinterkopf, da war irgendwas. Ah ja, stimmt, an dem Morgen bin ich wach geworden, als Bibi ins Zimmer kam, ich weiß keine Uhrzeit, aber ich hatte sie gefragt, wo sie gewesen war. Sie sagte, von der Toilette hinten am Ende des Gangs. Sie hatte nur ihre Shorts und das T-Shirt an, genau die Sachen, die sie zum Schlafen trug. Vielleicht war sie etwas erschrocken darüber, dass ich aufgewacht bin. Vielleicht hatte sie Schuhe an, sie trug nie Schuhe, wenn sie aufs Klo ging. Vielleicht hatte sie etwas bei sich, was darauf hindeutete, dass sie das Backpackers` verlassen hatte. Für mich war jedoch nichts ungewöhnlich an ihrer Antwort, also drehte ich mich wieder um und schlief weiter. Glaubt ihr…« Plötzlich hielt Jenny inne und wandte sich Daniel zu.
»Moment mal, woher, weißt du das überhaupt, du bist doch erst ein paar Stunden hier?«
»Vom lieben Herbergsvater, von wem sonst?«
»Das sieht ihm ähnlich, als wir ihn fragten, ob ihm in den Tagen zuvor etwas aufgefallen war, hat er nur mit dem Kopf geschüttelt.« erwiderte Jenny entrüstet.
»Fest steht, Bibi hat euch irgendetwas verheimlicht.« stellte Daniel nüchtern fest. »Die Frage, die sich aufdrängt, ist, die Frage, wohin sie gegangen ist und mit wem sie sich getroffen hat, wenn sie sich mit jemandem getroffen hat. Sie wollte offenbar nicht, dass ihr einen Verdacht schöpft. »
Im nächsten Moment war es still. Es war eine deprimierende Stille. Jenny blickte starr auf den Boden, als ob sie die Lösung dort vermutete. Doch je angestrengter sie auch nach einer Antwort suchte, desto mehr drehten sich ihre Gedanken im Kreis. Nur das leise Ticken von Karens` Armbanduhr war zu hören, jeder im Raum nahm es war, doch es war nur Begleitmusik, der traurig-monotone Grundrhythmus für den verzweifelten Tanz ihrer Gedanken.
Die Uhr zeigte halb vier morgens, als sie glaubten, alle nur erdenklichen Theorien für Bibis Verschwinden besprochen zu haben. Als Celine und Karen den Raum verließen, waren sie alle nicht einmal eine Winzigkeit schlauer als acht Stunden zuvor.

    So wie sie alle kannten, war Bibi überhaupt kein Typ für solche Alleingänge. Bibi liebte es, die schönen Momente des Lebens mit anderen zu teilen. Alleine am Strand sitzen und einen Sonnenuntergang beobachten ist etwas anderes als wochenlang alleine durch ein Land zu reisen. Vorübergehende Gefühle wie Melancholie oder Naturromantik wären sicher nicht der Anlass für so einen Schritt. Jenny, Bibis intimste Freundin, glaubte auch nicht, dass Bibi die Gruppe wegen eines Mannes verlassen hatte. Mit ihren einundzwanzig Jahren konnte sie schon auf einige – in der Regel kürzere – Beziehungen und eine Handvoll Abenteuer mit Männern zurückblicken. An den Märchenprinz glaubte sie schon lange nicht mehr, abgesehen davon war sie viel zu selbstbewusst, um sich dem Willen irgendeines Kerls, den sie gerade erst kennen gelernt hatte, unterzuordnen. Und selbst in diesem Fall wäre genügend Zeit für eine Erklärung und ein Lebewohl gewesen. Ohne Hanks Beobachtung zwei Tage vor Bibis Verschwinden hätten sie jegliche Argumentation in diese Richtung für völlig absurd gehalten.

     Daniels Brustkorb verengte sich, als er erkannte, aus welchem Grund sie stundenlang verzweifelt nach einer logischen Erklärung dafür gesucht hatten, warum Bibi die Gruppe freiwillig verlassen habe. Die Antwort lautete – nur, um sich der Alternative nicht stellen zu müssen. Am Ende sprach Vieles dafür, dass Bibi Opfer eines Verbrechens geworden war. Ausgesprochen hatte es an diesem Abend niemand.
»Und, Großer, enttäuscht?« fragte Jenny ihn, als sie allein waren.
»Ja, sehr. Wir sind nicht einen Schritt weiter.« Daniels Stimme klang in der Tat enttäuscht.
»Zugegeben, der Abend war ernüchternd. Dennoch ist es wichtig, dass du gewisse Dinge weißt, um keine falschen Schlussfolgerungen aus der einen oder anderen Situation zu ziehen.«
»Welche Dinge?«
»Na ja, Bibis Affäre mit Danny wäre so ein Thema. Das war nichts Berauschendes für sie. Wie eine Nutte in irgendeinem Bordell in Pattaya hat er sie behandelt. Keine Spur von Romantik, von Zärtlichkeit ganz zu Schweigen. Nachher hat sie ihn gefragt, ob er sein Portemonnaie aus Gewohnheit neben das Bett gelegt habe oder ob das Zufall sei.«
»Macht sie so etwas öfter?« wollte Daniel wissen.
»Eine Heilige ist deine Schwester nicht, allerdings reichen die Finger beider Hände gerade noch aus, um ihre One-night-stands zu zählen.«
»Wie war Bibis Verhältnis zu den anderen beiden? Auf so einer langen Reise gibt es nach einiger Zeit in jeder Reisegruppe kleinere Konflikte, sogar unter Freundinnen. Wie hat sich das bei euch entwickelt?«
Als weitestgehend harmonisch bezeichnete Jenny das Verhältnis der Mädchen untereinander. Ausnahme hiervon waren einige Bemerkungen, die Bibi in Richtung Karen hatte fallen lassen, da diese, unsicher und ängstlich, wie sie nun mal war, zu vielen Anlässen die Gruppe von deren Vorhaben abbringen wollte, weil es möglicherweise gefährlich, verboten oder Aufsehen erregend sein würde. Bibi, die es liebte, ihre Aktivitäten mit diesen Adjektiven zu verknüpfen, hatte Karen in einer dieser Situationen, die ihr gehörig auf die Nerven gingen, als Spaßbremse betitelt. Seit diesem Tag behielt die ihre Einwände gegen diese oder jene gewagte Aktion für sich.
Celine war der Lausbub der Gruppe. Sie war die treibende Kraft, wenn es darum ging, verrückte Dinge zu tun oder Menschen zu veralbern. Bewundernswert war die Art, wie sie es anstellte. Niemand konnte ihr so richtig böse sein, wenn man sie bei einem ihrer Streiche ertappte. In Sydney entdeckte sie in einem Abstellraum ihres Hotels eine Kleiderkiste. Darin befand sich, sorgsam zusammengelegt, ein altertümliches Kleid. Bodenlang, hochgeschlossen ohne Tüll und Spitze, ein Relikt aus der guten alten Siedlerzeit. Daraufhin hatte sie einen Blitzeinfall. In das Kleid gehüllt – die Haare hatte sie zu einem strengen Zopf gebunden – hatte sie eine Stunde später vor einem Einkaufszentrum in Sydney gestanden und laut aus der Bibel, die in demselben Zimmer gelegen hatte, vorgelesen. Mit einer Sammelbüchse, die sie in der linken Hand schwenkte, und der Bibel in der rechten sprach sie die Menschen in einem strengen Tonfall an und prophezeite ihnen die Verdammnis, wenn sie nicht jetzt den richtigen Weg einschlagen würden. Das Talent zur Predigerin war ihr vererbt worden, ihr Ur-Großonkel war ein bekanntes Gesicht in der Politik gewesen, sein Wirken lag allerdings schon einige Jahrzehnte zurück. Immer aggressiver ging Celine auf die Menschen zu, sie stellte ihnen Fragen zu ihren Moralvorstellungen, erwiderte ihnen mit Zitaten aus der Bibel und ermahnte sie zur Sittsamkeit. Sie ließ erst von ihnen ab, wenn der Obolus entrichtet war. Leute, die an ihr vorbei mussten, um in das Einkaufszentrum zu betreten, steckten mehr oder weniger bereitwillig Geld in die Sammelbüchse, um der verbalen Geißelung zu entkommen.

    Von der Terrasse eines auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegenden Cafes beobachteten Bibi und Jenny die Szenerie. In regelmäßigen Abständen wurden sie von Lachkrämpfen geschüttelt, zu komisch war das Bild, das sich ihnen präsentierte. Die alles andere als prüde Celine in einer Puritanertracht in der Rolle der religiösen Fanatikerin.
Am Ende war Celine aufgeflogen. Wieder einmal hatte sie energisch die Bibel durch die Lüfte geschwungen, als der Ärmel ihres Kleides verrutscht und das auf ihren Oberarm tätowierte keltische Symbol für einen Augenblick sichtbar geworden war. Eine ebenso streng blickende Frau, die eine Sekunde zuvor noch Celines Einsatz im Kampf gegen die Zügellosigkeit dieser Welt gelobt hatte, brüllte in die Menge:
»Sie ist eine Betrügerin, eine Betrügerin, sie hat ein Teufelszeichen auf dem Arm.«
Rigoros griff sie Celine an den Arm und schob den Ärmel des Kleides hoch.
»Seht ihr, sie ist eine Teufelsanbeterin. Das ist Blasphemie. Oh Gott, was ist mit dieser Welt passiert?«
Seiner schlechten Gemütslage trotzend hatte Daniel Jennys blumige Schilderung der Begebenheit mit einem Schmunzeln verfolgt. Ohne Umschweife kam er nun wieder auf das eigentliche Thema zurück.
»Erzähl mir mehr von Bibi. Schwester hin oder her, die beste Freundin weiß immer mehr von einer jungen Frau als die Familie.«
Jenny errötete. Sie senkte den Blick. Daniel musterte sie, wie sie im Schneidersitz auf dem Boden saß – den Kopf gesenkt – und offensichtlich nach den richtigen Worten suchte.
»Sag es einfach.« ermunterte er sie zum Reden.
»Na ja, es betrifft dich, die Geschichte deiner Ehe, die Sache mit deinem Schwager…….« begann sie verlegen »……sie hat mir alles erzählt. Ist mir furchtbar unangenehm jetzt, weil ich dich jetzt nicht auch noch mit der Vergangenheit belasten will. Es ist nur so wichtig, da Bibi in diesem Zusammenhang sagte, dass sie dir niemals solchen Kummer bereiten würde. Natürlich war das Quatsch, dein Schwager hat seinen Unfall schließlich nicht geplant. Aber den Schwur, so naiv er in diesem Moment auch klang, hat sie gebrochen. Sie bereitet dir Kummer, ganz erheblichen sogar.«
Daniels Gedanken wanderten zurück in der Zeit:
Nach dem Unfall war nichts mehr so wie vorher gewesen. Kurz nachdem Patricia und er den alten Bauernhof gekauft hatten, verunglückte Patricias Zwillingsbruder Achim mit seiner Harley auf der Autobahn, Sie bauten den Hof gleich behindertengerecht um, denn Achim war vom Hals abwärts gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Von da an lebte er bei ihnen. Seit ihrer Kindheit hatte Patricia und ihn eine innige Geschwisterliebe miteinander verbunden, das änderte sich auch nach Achims Unfall nicht. Patricia pflegte ihn, ertrug seine Launen, versuchte ihm Lebensmut zu geben. Achim wurde ihr Lebensmittelpunkt, Daniel vergrub sich in seine Arbeit, verlängerte seine Dienstreisen wo es nur ging und entfremdete sich von seiner großen Liebe. Kurz nach Achims plötzlichem Tod vor zwei Jahren trennte sich Patrizia von ihm und reichte die Scheidung ein. Seinen fehlenden Beistand in schwierigen Zeiten konnte sie ihm nicht verzeihen. Vier Jahre lang war Daniel seine eigenen Wege gegangen. Achims Unfall hatte alles verändert. Seine Bedürfnisse hatten immer Vorrang gehabt. Es gab keine Wochenendtrips mehr, keinen Urlaub und ganz selten nur ein romantisches Diner zu zweit. Als Achim tot war, merkten sie, dass auch ihre Liebe gestorben war.
»Stellt sich die Frage, hat Bibi den Schwur mit Absicht gebrochen oder nicht? Hat sie tatsächlich meine und eure Sorge bewusst in Kauf genommen? Warum hat sie sich bis heute noch nicht bei mir gemeldet?«
Eine Woge aus Wut, Angst und schierer Verzweiflung brach über ihn herein und entlud sich in einem harten Faustschlag auf den Boden. Flüche in allen erdenklichen Sprachen waren das Echo dieser nächtlichen Ruhestörung. Daniel scherte sich nicht darum. Er erkannte eine Tendenz seiner Gedanken, sie arbeiteten sich mehr und mehr in Richtung Gewaltverbrechen vor. Bibis Schwur mag naiv geklungen haben, die Kernaussage, die dahinter stand, war es nicht.
Jennys Augen schauten ihn mitfühlend an. An diesem Abend fühlte sie sich ihm so nah wie noch nie in ihrem Leben. Mit wackligen Knien stand sie auf.
»Gute Nacht, Großer.«
»Gute Nacht.« Müde winkte Daniel ihr hinterher.

Kapitel 5

    Für einen Frühlingsmonat war dieser September bisher viel zu heiß gewesen. Die Klimaanlage lieferte zwar einen lautstarken Arbeitsnachweis, jedoch kühlte sie das Großraumbüro, in dem 12 Cops an verschiedenen durch Raumteiler voneinander getrennten Arbeitsboxen ihren Bürokram erledigten, nur geringfügig. Daniel war verblüfft, im Inneren des schmucklosen Betonbaus in der Parsons Street ein erstaunlich modernes Kommunikationszentrum vorzufinden. Jeder Arbeitsplatz war mit Laserdrucker, Fax und Laptop ausgestattet.
Hanks Beschreibung war erstaunlich genau gewesen. McNonan wäre vor zwei Millionen Jahren weniger aufgefallen als in der heutigen Zeit.
Neuigkeiten hatte er keine, doch auch nach fünfzehn Tagen ohne eine Nachricht glaubte der störrische Cop nicht an ein Verbrechen. Daniel verschwieg ihm Hanks Beobachtung zwei Tage vor Bibis Abtauchen, es wäre nur weiteres Wasser auf die Mühlräder des Polizisten gewesen. Nach einem kurzen Schlagabtausch der beiden Männer kam der Chief der Polizeistation, Frank Hartlepool hinzu, um die Streitigkeit der beiden Männer zu schlichten. Daniels Vorwurf, den Ernst der Lage nicht erkennen zu wollen, wies der Chief energisch zurück.
»Glaubst du, wir haben die Hände in den Schoß gelegt und abgewartet?«
Der übergewichtige Vorgesetzte McNonans zog einen Stuhl heran und nahm ebenfalls in der engen Box Platz. Dann zog er schnaufend ein Taschentuch hervor und tupfte sich den Schweiß von der Stirn. Sein von Achselschweiß getränktes weißes Hemd verlor sich in einer weiten Baumwollhose, die oberhalb des Nabels über den immensen Bauch spannte und von zwei starken Hosenträgern dort festgehalten wurde.
»Wenn man eurer Argumentation genau zuhört, kommt man zu diesem Ergebnis.«
»Der Chief winkte ab.
»Wir stellen nicht irgendwelche Theorien auf, nur weil diese bequem für uns sind. In diesem Fall gibt es absolut keine Spur. Niemand hat etwas gesehen, es gibt keine verdächtigen Personen und kein Motiv. Was auch immer geschehen ist, ist früh am Morgen passiert, gewöhnlich gibt es für die Ereignisse dieser Tageszeit kaum Zeugen. Wenn wir einen Anhaltspunkt hätten, würden wir in jede Richtung ermitteln.«
»Und warum haltet ihr hartnäckig an der Theorie fest, meine Schwester sei aus freiem Willen verschwunden? Ist das nicht Bequemlichkeit?«
»Weil es uns die Erfahrung gelehrt hat. Alle sind wieder aufgetaucht. Auch die, bei denen uns die Verlassenen die Ausgangslage ähnlich geschildert hatten, wie ihr. Aber was wir glauben, ist das Eine, was wir tun oder schon getan haben, steht auf einem anderen Blatt.«
»Wie ist das zu verstehen?«
»Ganz einfach. Trotz unserer Erfahrungen mit Touristen sehen wir in diesem Fall Besonderheiten, die auf ein Verbrechen schließen lassen könnten. Nach deiner Schwester wird jetzt offiziell gesucht. Jeder Backpackerunterkunft in Australien wurde ein Steckbrief deiner Schwester geschickt. Sobald ein Flug- Bus- oder Bahnticket auf ihren Namen erworben wird, erhalten wir eine Meldung. Jede Barabhebung auf ihren Namen löst eine Kontrollnotiz aus.«
»Wenn sie, und davon gehe ich aus, bis heute noch keinen elektronischen Fingerabdruck hinterlassen hat, sollte doch irgendwo ein Alarmglöckchen läuten. Oder etwa nicht?«
Der Chief räusperte sich.
»So langsam gehen uns die Argumente aus. Wir hoffen darauf, dass sie bald zurückkehrt, wie alle anderen vor ihr. Die Prognose für die Aufklärung eines Verbrechens wäre düster. Es gibt nicht einmal einen vagen Hinweis. Von einem Motiv ganz zu schweigen.«
Auf dem Weg hinaus stieß Daniel beinahe mit Sam zusammen.
»So schnell sieht man sich wieder. Wie geht’s?«
Sam schaute ernst drein.
»Ich weiß nicht, inwiefern dich die Sache betrifft, aber die Kollegen von den Flying Doctors haben bei einem Krankenbesuch ein Flugzeugwrack entdeckt.«
Daniels Mund fühlte sich auf einmal trocken an.
»Wo genau haben sie es gefunden?«
»Etwa 400 Kilometer nördlich von Alice in einer Gegend, die man hier als Hölle bezeichnet, weil es vor allem im Sommer dort unerträglich heiß ist.
»Und weiter?«
»Details haben sie mir auch nicht mitgeteilt. Sie haben die Koordinaten durchgegeben und gesagt, ich soll mich darum kümmern. Sie hätten einen Schwerkranken an Bord, der unbedingt ins Krankenhaus gebracht werden müsse.«
»Und was tust du hier?«
»Einen Polizisten holen, der sich der Angelegenheit annimmt.«
»Glaubst du, meine Schwester könnte an Bord gewesen sein?«
»Es ist unwahrscheinlich, aber nicht völlig auszuschlies-sen.«
»Wäre es möglich, wenn ich mitkomme?«
»Es ist noch ein Platz frei. Wenn McNonan zustimmt, bist du dabei.«

    Unter dem schattigen Vordach der Polizeistation lief Daniel unruhig von einer Ecke zur anderen. Eine nie da gewesene Angst schnürte seine Kehle zu. Vor seinem geistigen Auge nahmen seine schlimmsten Befürchtungen Gestalt an. Er sah Bilder, die er nicht sehen wollte. Versuche, sie zu verdrängen, scheiterten, die Bilder kehrten zurück, klarer, größer und unmissverständlicher. Für Sam war die Chance nur sehr gering, allerdings wäre der Absturz eine Erklärung für Bibis Verschwinden. Brutal, unwiderruflich und sicher nicht ge-wünscht. Aber eine Erklärung. Die Einzige bisher. Ein weiteres Mal entging er einem Zusammenstoß mit Sam nur knapp, als der mit dem leicht angesäuerten Polizisten im Schlepptau aus dem Gebäude kam.
McNonan passte es gar nicht, einen Zivilisten auf einen Polizeiflug mitzunehmen, den Mut, sich Sams Willen zu widersetzen, besaß er allerdings nicht. Er nickte Daniel zu, ohne ihn anzusehen. Zu dritt fuhren sie mit Sams Jeep zur Startbahn der Flying Doctors 5 Kilometer außerhalb der Stadt.

    Ruhig glitt die PC 12 unter dem azurblauen Himmel dahin. Gelassen lenkte Sam den fliegenden Krankenwagen, von Zeit zu Zeit blickte er auf den Höhenmesser und den Display mit den aktuellen Koordinaten. Ein endloser Teppich aus rotem Sand bedeckte das trockene Land unter ihnen. Auf Daniel wirkte die Landschaft lebensfeindlicher und bedrohlicher, je näher sie ihrem Ziel kamen. Er hatte weder Angst vor dem Fliegen, noch vor der Hitze. Es ängstigte ihn, was er dort vorfinden würde. Immer wieder blickte er auf seine Capel-Uhr. Der Sekundenzeiger schien in Zeitlupe um das Ziffernblatt zu kreisen. Nicht einmal eine Stunde waren sie in der Luft, doch es war ihm wie ein Endlostrip vorgekommen, seit sich die Maschine angetrieben von einem Propeller von einer staubigen Rampe in den Himmel erhoben hatte. Sein Blick fiel auf McNonan, der auf dem Sitz des Co-Piloten mit offenem Mund schlief. Neben ihm saß Dr. Surtax, ein dunkelhäutiger Mann mit indischen Wurzeln und las in einem Buch. Nur weil mit Sam und McNonan genügend Helfer an Bord waren, hatte Daniel auf dem Krankenschwestersitz mitfliegen dürfen.
»Das Flugzeug wird doch irgendwo gestartet und auch irgendwo erwartet worden sein. Gibt es denn keine Vermisstenmeldung?« fragte Daniel in die Runde.
»Mir ist nichts bekannt.« antwortete ihm Sam.
»Und was ist mit Radarüberwachung hier im Outback?«
»Natürlich gibt es die. Aber die kleinen Maschinen fliegen häufig unter der Radargrenze von 1000 Fuß, so dass sie überhaupt nicht wahrgenommen werden.«
»Ist das nicht gefährlich ohne Frühwarnung?«
»In unserem Luftraum hier herrscht nicht so viel Betrieb wie im Himmel über Europa. Es gibt hier eine Regel, die man befolgt, wenn sich ein Flugzeug frontal nähert. Hast du eine Idee, wie diese Regel lauten könnte?«
»Nein.«
»Ganz einfach, nach links ausweichen. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn beide Piloten sich daran halten, kommt es garantiert zu keinem Zusammenstoß.«
Daniel blickte nach unten. Trockenes niedriges Buschwerk auf roter Erde und weitläufige Sanddünen prägten das monotone Landschaftsbild.
»Wo werden wir landen?« fragte er besorgt.
»Das ist eine gute Frage, nur beantworten kann ich sie dir leider noch nicht. Wir werden nach einem Weg, einem Plateau, einem ebenen Acker oder ähnlichem suchen. Im ärgsten Fall haben wir ein paar Kilometer Fußmarsch vor uns.«
Daniel wollte sich das nicht ausmalen. Seine Anspannung war schon jetzt kaum zu ertragen.
»Wie lange, glaubst du, liegt die Maschine schon dort?« bohrte Daniel weiter.
»Schwer zu sagen. Der Kollege berichtete, sie sei ausgebrannt, aber sie brenne nicht mehr. Daraus schließe ich, dass sie schon ein paar Tage dort liegt.« antwortete Sam geduldig.
»Merkwürdig.«
»Was ist merkwürdig?«
»Das es anscheinend keinen interessiert, wenn jemand verschwindet.«
»Meinst du damit deine Schwester?«
»Ja, den Eindruck hatte ich bisher. Und auch in diesem Fall verschwindet ein Flugzeug mitsamt Pilot und es ist niemand
da, der sich einen Kopf darum macht.«
Sam drehte sich zu Daniel um und klopfte ihm auf die Schulter.
»Du kannst es nicht besser wissen, weil du nicht von hier bist. Lebe und arbeite nur ein halbes Jahr hier und du wirst verstehen, wie alles läuft und warum die Dinge so sind, wie sie sind.«
Daniel ließ nicht locker.
»Ein Flugzeug verschwindet, es sind womöglich mehrere Personen an Bord, Tage vergehen und keiner vermisst weder das eine, noch das andere.«
»Häufig sind die Piloten alleine unterwegs, um Waren abzuholen. Man sorgt sich hier nicht so schnell, wenn sie sich um ein paar Tage verspäten. Viele der Männer sind Einzelgänger, haben weder Freunde noch Familie.«
Sam verzweifelte allmählich an der Hartnäckigkeit des Deutschen. Dessen nächste Frage erstarb auf seinen Lippen, als Sam mit dem Finger nach unten deutete. Sie hatten das Ziel erreicht. Das Flugzeugwrack lag genau unter ihnen auf einer Sanddüne.

UND? WEITERLESEN? KEIN PROBLEM……….

Traumpfad ins Schattenreich